Die Männer starben auf verlorenem Posten. Jenseits von Afrika oder Afghanistan, wo heute Einheiten Frankreichs stehen. Die Toten waren auf litauischer Erde erfroren, 18 französische Elitesoldaten, deren Leichen man jüngst fand. Nur ihre Uniformknöpfe verrieten, dass sie dem größten Heer angehört hatten, das je aus Europa zusammenkam: Napoleons Grande Armée . Der auf die Invasion Russlands folgenden Rückzug führte in eine Tragödie, die in Vilnius im Winter 1812 unvorstellbare Ausmaße annahm. Vor einem Jahrzehnt begann diese Geschichte zurückzukehren in Litauens heutige Hauptstadt, die damals zum Zarenreich gehört hatte. 2001 stießen Bagger in einem Neubauviertel auf das erste riesige Leichenfeld. Opfer der Nazis oder des KGB, vermutete man spontan. Doch preußische Kavallerieknöpfe, polnische Adler, spanische Münzen, kroatische Kreuze, sogar französische Marineabzeichen zeugten alsbald davon, wo überall in Europa vor 200 Jahren Soldaten vermisst wurden.

Bis zum Sommer 1812 waren sie über Wochen und Monate nach Vilnius marschiert. Von der Iberischen Halbinsel, aus Italien und der Schweiz, aus Österreich und Belgien, Westfalen und Sachsen. Mehr als 500.000 Mann hatte Napoleon aufgebracht, und die meisten zogen durch Vilnius, das Fort für den Feldzug. Es war eine Koalition der Willigen und der Unwilligen. Willig folgten die Polen mit 95.000 Mann. Ihnen hatte Napoleon die Befreiung vom Zarenjoch verheißen. Sie selbst träumten davon, anstelle Russlands wieder zur Großmacht zu werden. Verlassen konnte sich der Kaiser auf 24.000 Bayern. Weit weniger auf die Preußen, denen der Tilsiter Frieden ein Hilfskorps abverlangte. Zwei Drittel der beteiligten Völker wollten diesen Krieg nicht.

Wie die Armee in Russlands Winter unterging, ist bekannt, ihr Ende in Litauen weniger. Zuerst traf Napoleon wieder in Vilnius ein, wechselte die Pferde und setzte sich nach Paris ab. Unterwegs platzten seine Rotweinflaschen, als die Temperatur auf 37 Grad minus absank. Das heile Vilnius, das von der Tragödie noch keine Nachricht hatte, wurde von Halbverhungerten, Verwundeten, Todgeweihten überschwemmt. Die Vorräte, die der junge Quartiermeister Henri Beyle – er wurde später als Schriftsteller unter dem Namen Stendhal berühmt – organisiert hatte, reichten für diesen Ansturm nicht. Das Thermometer sank noch tiefer. Soldaten, die deshalb nicht auf dem Schnee einschlafen wollten, lehnten sich an Bäume und waren am Morgen doch erfroren. "Sie standen mit offenen Augen und blickten in die Ewigkeit", hielt ein Arzt fest. 35000 Einwohner hatte Vilnius damals. Und 35.000 Soldaten starben in jenen Wintertagen auf den Straßen und Plätzen der Stadt. Tote wurden zu den Gräben gekarrt, die sie im Sommer zur Sicherung der Stadt selbst ausgehoben hatten.

So wie die steifen Bündel in die Gräben gekippt waren, lagen die obersten Opfer auf einem Knochenmeer darunter, als der Bagger auf sie stieß. Fünf Ladungen mit den Gebeinen der Grande Armée brachte ein Lastwagen zur Medizinischen Fakultät in Vilnius. Bei meinem Besuch dort waren sie noch in Bananenkartons aus Südamerika zwischengelagert. Seither hat Litauens führender Anthropologe und Anatom Rimantas Jankauskas den letzten Akt der Tragödie von 1812 mit Fotografien, Daten, Tabellen auf seinem Laptop neu beleuchtet.

Gerade 20 bis 25 Jahre alt war die Hälfte der 435 Toten, deren Alter er noch bestimmen konnte. Etwa 2000 der Opfer liegen inzwischen auf Litauens Soldatenfriedhof Antakalnis. Dort haben auch die jetzt gefundenen 18 französischen Elitesoldaten, die es einst noch 40 Kilometer weiter nach Westen geschafft hatten, ihre zweite Ruhe gefunden. Sie werden nicht die Letzten gewesen sein. Laut Unterlagen, die 1914 von Frankreich nach Berlin und 1945 von Berlin nach Moskau gelangten, gibt es in und um Vilnius noch sieben weitere Massengräber dieser ersten beinah europäischen Armee.