Kino sei ein Fenster zur Welt, heißt es immer wieder. Und es mag ja sein, dass die Leinwand für den Zuschauer im Saal eine Art Panoramafenster ist, durch das er auf die Ereignisse und Verhältnisse da draußen blickt. Was aber genau ist dann der einzelne Film? Das Fenster oder das, was dahinter liegt? Im glücklichsten Fall wohl beides: eine Welt, die sich manchmal sogar durch Bilder betreten lässt.

Natürlich heißt einen Film zu verbieten immer auch, einen Teil der Welt zu verbieten. Dies wurde selten so deutlich wie im Fall des iranischen Filmemachers Jafar Panahi, der gemeinsam mit seinem Kollegen Mohammad Rasoulof in seiner Heimat zu sechs Jahren Gefängnis und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt wurde – wegen eines Filmprojekts über die Proteste der iranischen Oppositionsbewegung. Während der Eröffnung der Berlinale verlas die Jurypräsidentin Isabella Rossellini einen offenen Brief von Jafar Panahi, der eigentlich als Jurymitglied am Festival hätte teilnehmen sollen. In einfachen Worten schildert der Iraner seinen Traum, in zwanzig Jahren wieder Filme in einem Land drehen zu können, in dem nicht mehr Verfolgung und Gewalt herrschen. Der bewegendste Satz des Briefes lautet: "Ich hoffe, dass meine Regisseurskollegen in aller Welt so großartige Filme drehen, dass ich beim Verlassen des Gefängnisses begeistert sein werde, weiter in der Welt zu leben, die sie in ihren Filmen erträumt haben."

Nun wurde Panahis Brief durch einen Wettbewerbsbeitrag der Berlinale weitergeschrieben. Allerdings nicht als Utopie, sondern als präzise gezeichneter Albtraum. Man könnte auch sagen: Die Welt, aus der uns Panahis Brief erreicht, erstand plötzlich und auf schockierende Weise auf der Leinwand – in einem Film des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi. Schon in seinem vorherigen Film Elly hatte Farhadi auf subtile Weise gezeigt, wie Repression, Angst und scheinheilige Moral in die Köpfe der Menschen sickern. Sein neuer Film Nader und Simin, eine Trennung beginnt mit einer einzigen Einstellung, die ein Ehepaar vor dem Scheidungsrichter zeigt. Die Ehefrau, Simin, hat für die Familie die Auswanderung bewilligt bekommen. Der Ehemann, Nader, will mit der Tochter bei seinem dementen Vater in Teheran bleiben. Nach und nach weitet sich der Konflikt dieser Kleinfamilie zu einem komplexen Gesellschafts- und Sittengemälde. Und zu einer Geschichte voller Dramatik: Bei einer Auseinandersetzung mit einer Pflegerin seines Vaters verpasst Nader der Frau einen kleinen Stoß. Am nächsten Tag verliert sie ihr Kind, und die Angelegenheit landet vor Gericht. Der Richter ist stur, die Urteilsfindung willkürlich, in der Amtsstube wabern uralte "Blut"-Konzepte.

Der Film öffnet den Fokus immer weiter, erzählt von Geschlechterkonflikten und von Klassengegensätzen: hier die selbstbewusste bürgerliche Familie, die sich immer aus den Anklagen herauskaufen kann. Auf der anderen Seite eine verhärmte Familie der Unterschicht mit einer tiefreligiösen Mutter, die erst mal den Imam anruft, bevor sie dem Greis die beschmutzte Hose wechselt. Zwischen allen Fronten blickt Termeh, die zwölfjährige Tochter des Ehepaares, fassungslos auf ihre Eltern, die jeweils für alle das Beste wollen und sich dabei als Paar verlieren. Nader und Simin, eine Trennung ist ebenso großartig wie bestürzend. Ein Kammerspiel, in dem der ganze Iran Platz hat.