Lukas Bärfuss: Herr di Lorenzo, in der aktuellen Ausgabe der ZEIT las ich ein langes Gespräch mit dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble , das ZEIT - Magazin ist voll mit Porträts von wichtigen Frauen aus dem Film-Business. Lenkt diese Personalisierung nicht von den Strukturen ab, in denen wir leben?

Giovanni di Lorenzo: Ganz sicher, wenn man nur noch personalisieren würde. Aber unsere Leser wollen in einer Wochenzeitung nicht lesen, was sie in anderen Medien schon vernommen haben. Das gelegentliche Personalisieren ist eine Möglichkeit, einen anderen Zugang zu Themen zu haben. Schäuble ist ein gutes Beispiel. Unsere beiden Redakteure haben an zwei Terminen insgesamt vier Stunden mit ihm gesprochen, bis wir ein Interview hatten, das aus der Norm fällt.

Bärfuss: Aufgefallen ist mir eine Reihe von Inseraten für Eigenleistungen der ZEIT. Ein Helmut-Schmidt-Buch, eine Krimireihe, CD-Kollektionen. Wann gibt es den ZEIT - Badezusatz?

di Lorenzo: Unter dem ehemaligen Chefredakteur Roger de Weck gab es im ZEIT-Shop auch Kartoffeln zu kaufen, die er aber wirklich nicht zu verantworten hatte. Wir machen Editionen, wie alle anderen Zeitungen. Aber unsere Redakteure weigern sich, dazu Texte zu schreiben. Sie sehen ihre Kritikerreputation gefährdet. Die vielen Eigenanzeigen sind Ausdruck dieser Haltung. Der Verlag muss so seine Produkte verkaufen. Das ist eine selten gewordene Demonstration von Unabhängigkeit.

Bärfuss: Herr Köppel, in der aktuellen Weltwoche -Ausgabe gibt es wohltuend wenige Inserate. Und eine Beilage zur russischen Kultur. Sie danken der Gasprom Bank, Renova und der Botschaft der Russischen Föderation für die Zusammenarbeit.

Roger Köppel : Die Idee für eine redaktionelle Beilage, welche die russische Kultur würdigt, hatte ich spontan bei einem Mittagessen mit dem russischen Botschafter Igor Bratschikow.

Bärfuss: Die russische Regierung kann also die Weltwoche kaufen? 

Köppel: Unsinn. Seit meiner Zeit in Deutschland hat mich diese stereotype Anti-Russland-Berichterstattung irritiert. Und in der Schweiz, mit ihrer heimatbezogenen Wirtschaft, bekämpft man Unternehmer wie Viktor Vekselberg – oder macht ihnen den Prozess. Wir wollten mit dieser Beilage ein Zeichen von Weltoffenheit setzen. Übrigens kann ich Sie beruhigen, die Weltwoche schreibt wieder schwarze Zahlen, seit ich sie führe.

Bärfuss: Einer Ihrer Redaktoren, Peter Keller, ist aktives SVP-Mitglied im Kanton Obwalden. Nun schreibt er über eine Initiative von SVP-Nationalrat Lukas Reimann, welche die Offenlegung der Mandate und Einkommen von Parlamentariern fordert. Ist das nicht ein Problem?

Köppel: Nein. Ich habe als Journalist bei der NZZ angefangen. Dort war die ganze Inlandredaktion Mitglied bei der FDP, einige Nationalräte inklusive. Beim Tages-Anzeiger, wo ich später arbeitete, war die halbe Inlandredaktion in der SP. Als Herr Keller bei uns anfing, haben wir seine Parteimitgliedschaft offen kommuniziert. Die Schweiz ist ein Milizsystem, politisch tätige Leute haben auch einen zivilen Beruf. Das ist in Deutschland ganz anders.