Ist der Liberalismus obsolet geworden? Ist die Freiheit nicht mehr durch staatliche Eingriffe bedroht, sondern durch ihren ungeregelten Gebrauch seitens mächtiger privater Akteure? Bei fünf Prozent steht die FDP in den Umfragen, keine Landtagswahl, bei der sie nicht um den Einzug ins Parlament bangen muss – Grund genug, den jungen Generalsekretär der FDP zu befragen: Wie sieht er die Zukunft des Liberalismus?

DIE ZEIT: Herr Lindner, wir würden gern eine These mit Ihnen diskutieren, sie lautet: Das liberale Jahrhundert ist vorbei; individuelle Freiheit als Lebensform ist Allgemeingut geworden, darum entstehen die meisten Probleme der Gesellschaft heute aus der millionenfachen Anwendung der Freiheit, nicht aus ihrer Begrenzung; der Widerspruch zwischen Staat und Gesellschaft ist gegenüber den Widersprüchen von Arm und Reich, Mensch und Natur, National und Global, Digital und Analog nur noch ein Nebenwiderspruch. Was sagen Sie?

Christian Lindner: Wer in der Freiheit vor allem ein Problem sieht, der belegt die Notwendigkeit des Liberalismus. Stellen Sie sich vor, es gäbe nur Politiker, die diese Freiheit für vermeintlich höhere Ziele einzuschränken bereit wären. Außerdem sehe ich genug Aufgaben für uns – von der Ordnung der Märkte, der Fokussierung des Staates bis zu fairen Aufstiegschancen. Und richtig ist, wir haben eine Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Selbstbestimmung basiert. Aber wenn ich nur an die Schablonisierung von Lebensentwürfen durch den Sozialstaat denke: Erlauben die abweichende Lebensweisen, oder gibt es nicht doch eine große Konformität?

ZEIT : Die meisten Lebensbereiche sind doch sehr frei. Wozu braucht es trotzdem den Liberalismus?

Lindner: Um die Offenheit der Gesellschaft weiter zu sichern. Der Paternalismus kommt auf leisen Sohlen. Wie steht es, nur zum Beispiel, um die Freiheit in einem Land, in dem manche staatlich steuern wollen, wie die Menschen sich ernähren. Lebensmittel mit grünen, gelben und roten Punkten zu versehen ist nichts als Zensur.

ZEIT : Wo ist der Eingriff in die Freiheit? Die Menschen können weiter die Lebensmittel kaufen, die sie wollen.

Lindner: Ich habe ein optimistischeres Menschenbild. Ich bin überzeugt, dass der Einzelne sich selbst informieren kann.

ZEIT : Das ist Aufklärung, keine Zensur.

Lindner: Es ist eine Scheinaufklärung. Der fürsorgliche Staat lässt die Fähigkeit des Einzelnen zur Eigenverantwortung verkümmern.

ZEIT : Im Gegenteil, was Sie sagen, ist ein guter Beleg für unsere These: Millionenfaches individuelles Verhalten führt in der Kumulation zu Problemen. Viele Menschen ernähren sich falsch. Und dafür muss am Ende die Gemeinschaft aufkommen, sie trägt die Kosten des Gesundheitssystems. Jetzt überlegt der liberale Staat: Wie kann ich dagegen vorgehen, ohne die Leute direkt zu bevormunden? Durch einfache Kennzeichnung.

Lindner: Ihre Grundthese ist, das millionenfache Zusammenwirken führt zu neuen Problemen...

ZEIT : Richtig.

Lindner: Aber das lässt sich nur behaupten, wenn Sie Liberalismus als ein Prinzip begreifen, nach dem jeder tun und lassen kann, was er will. Der Liberalismus ist aber eine Ordnungslehre. Im Zentrum steht die Freiheit des Einzelnen. Die konfligiert mit der Freiheit des Nächsten. Also setzt der Liberalismus die Existenz eines Staates voraus, der Regeln setzt. Die Freiheitsordnung baut auf Menschen, die sich vernünftig verhalten. Dazu braucht es Aufklärung. Mit Paternalismus, wie bei der Episode mit den Lebensmittelpunkten, entfernen wir uns von dieser Mündigkeit.

ZEIT: Vor fünfzig Jahren stand der Liberalismus noch gegen Nationalismus, Obrigkeitsstaat, Klerikalismus. Alles das gibt es heute nur noch in Restbeständen. Wie verändert es den Liberalismus, dass er in diesen Dingen gesiegt hat?

Lindner: Bei jeder politischen Frage stellt sich neu die Aufgabe, ein Problem freiheitsverträglich zu lösen. Dass es zu Reibungen kommt, wenn Menschen ihre Freiheit ausleben, das war schon immer so. Unbegrenzte Freiheit führt zu nichts anderem als dem Recht des Stärkeren, und man braucht die Stärke des Rechts, um das zu brechen. Dafür braucht es einen handlungsfähigen Staat. Dass die Bedrohungen, die Sie genannt haben, kleiner geworden sind, heißt nicht, dass es nicht neue Herausforderungen gibt.

ZEIT : Nehmen wir ein anderes Beispiel. Jeder ist frei, sich ganz nach Geschmack und Geldbeutel ein Auto zu kaufen. Die Summe dieser freien Entscheidungen aber ist der Klimawandel.

Lindner: Nicht, wenn der Rahmen für diese Einzelentscheidungen stimmt. Liberale wollen einen Regulierungsrahmen, der dazu führt, dass das regelkonforme Zusammenwirken von Millionen Einzelnen nicht zu kollektiven Schäden führt.

ZEIT : Das wollen auch die Grünen, die CDU und die SPD.

Lindner: Der Unterschied liegt darin, ob man einen Rahmen schafft, der auch Marktkräfte, Innovationskräfte zulässt. Oder ob man ein Glühbirnenverbot als staatliches Dekret erlässt. Die anderen wollen das Marktprinzip gegen das Prinzip der Ökologie ausspielen. Ich will das Marktprinzip in den Dienst der Ökologie stellen.

ZEIT : Was hätten Sie denn anders gemacht als seinerzeit die rot-grüne Regierung? Die hat eine Ökosteuer erhoben, Innovationen bei den Autobauern gefördert und versucht, über die EU Emissionsgrenzen festzulegen. Das sind harte staatliche Regulierungen. Hätten Sie das nicht gemacht?