"Brandaktuell zum Dioxin-Skandal ": Wer weiß, wie lange der Slogan noch zündet, mit dem die DVD-Version des Dokumentarfilms Food Inc. beworben wird. Schon seit BSE und Nitrofen ist es schließlich notorisch, wie rasch die Verbraucher vergessen und wieder zu Spottpreis-Eiern und zum Rabatt-Schnitzel greifen. Trotz solcher Verdrängungsleistungen erzielte das amerikanische Filmpamphlet wider die Massenproduktion der Nahrung im Kino beträchtliche Erfolge. Und das, obwohl Zuschauern beim Anblick kot- und kolibakterienverseuchter Rinderleiber, die an Fleischerhaken hängend vorbeiparadieren, das Popcorn im Halse stecken bleiben kann.

Als Protagonisten seines großen j’accuse lässt der Food Inc.- Regisseur Robert Kenner den prominenten McDonald’s-Kritiker Eric Schlosser und den brillanten Essayisten Michael Pollan auftreten. Und sie sind nicht die Einzigen, die in den letzten Jahren über die Kollateralschäden von Monokulturen, Tierfabriken, ja des ganzen American way of eating informierten, dem die Mittelklasse weltweit folgt. Auch viele andere Filmemacher haben mit unterschiedlichen Schwerpunkten und filmischen Mitteln die ökologischen Desaster hinter den verlogenen Landlust-Fassaden der Supermärkte entlarvt – und damit zugleich dem Genre Dokumentarfilm neuen Zulauf beschert.

In We Feed The World beobachtet Erwin Wagenhofers Kamera Tausende piepsender Küken, die als "lebende Ware" über verschlungene Produktionsstraßen zappeln, dann auf Stapel grüner Industriepaletten geschubst und schließlich in die Mastanlage gekippt werden, einen künstlich beleuchteten Todeswartesaal. Der Österreicher holt mit seiner Reise durch die Agrarwirtschaft zugleich die ferne Wirklichkeit einer Ökonomie ins Wohnzimmer, welche die Weltregionen, ihren vermeintlich komparativen Vorteilen entsprechend, in spezialisierte Produktionszonen einteilt – und damit Verschwendung, Hunger und ökologische Wüsten schafft. Wagenhofer begleitet die energie- und wasserverschlingend produzierte Ganzjahrestomate über 3000 Kilometer von den Treibhausbaracken im südspanischen Almería bis nach Mitteleuropa. Er beobachtet einen Manager des US-Konzerns Pioneer, der traditionell wirtschaftende Bauern in Rumänien vor der Hightechlandwirtschaft und damit seinem eigenen Hybridsaatgut warnt: "We fucked up our agriculture in the west..." Und er überfliegt Brasiliens Mato Grosso, den "Großen Wald", der dem Sojaanbau weichen muss.

Mit We Feed The World nahm Wagenhofer eine Krise der Globalisierung vorweg (was ihm später noch einmal gelang mit seinem Film Let’s Make Money , einer Warnung vor dem Kollaps des Finanzsystems). Mittlerweile sind die Missstände, die er bereits 2006 anprangerte, fast zum Gemeinplatz geworden; die neue Agrardebatte wurde durch den abrupten Anstieg der Nahrungspreise und der Zahl der Hungernden im Jahr 2008 mächtig befeuert. Doch das Konsumverhalten wandelt sich erst in Nischen, und so hallen die Worte des Geflügelzüchters Hannes Schulz weiter nach, mit denen er in Wagenhofers Film die Ignoranz der Großeinkäufer und Verbraucher anprangert: "Weltfremder werden die Leute und brutaler und härter."