Das französische Kino liebt es, Gefühle zu theoretisieren. Doch es kann auch anders, etwa in Stéphane Brizés Film Mademoiselle Chambon (Arsenal), der sich ganz auf seine beiden wunderbaren Darsteller verlässt: Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon. Lindon spielt einen Maurer mit Gattin und Kind. Kiberlain die Lehrerin seines Sohnes, eine Frau, die immer nur Vertretungsjobs antritt, weil sie ungebunden bleiben möchte. Jean und Véronique sind von ihrer gegenseitigen Fremdheit fasziniert. Er ist von ihrer Bildung beeindruckt, sie von seiner Bodenständigkeit. Man spürt die Sehnsucht nach dem ganz anderen im anderen, die Mischung aus Begehren und verdrängender Vernunft und die Angst vor einem Gefühl, das scheinbar eingerichtete Existenzen erzittern lässt. Doch welche Zukunft hat diese Romanze? Stéphane Brizé nimmt sich Zeit für die alte, immer neue und aufwühlende Frage nach dem Preis, den man für eine Liebe zu zahlen bereit ist – oder auch nicht. Anke Leweke