Für New Yorker ist es ein herber Schlag. Die 219 Jahre alte Börse, die New York Stock Exchange, wird verkauft. An Deutsche! Am Dienstag machten die NYSE und die Deutsche Börse ihre Fusion bekannt . "Es geht um mehr als eine internationale Transaktion – die NYSE ist ein amerikanisches Symbol", sagt Herb London, Präsident des konservativen Hudson Institute und einstiger Bürgermeisterkandidat New Yorks. "Eine Beleidigung Amerikas" sei die geplante Übernahme, schäumt John Whitehead, der ehemalige Aufsichtsratschef von Goldman Sachs. Schließlich wurde an der Traditionsbörse schon das Kapital für den Bau der Eisenbahnen eingesammelt, die die Staaten von Amerika erst miteinander verband. Es ist die Börse von General Electric, Exxon und IBM. Und noch vor wenigen Jahren strebten deutsche Konzerne wie Daimler und Allianz dorthin und gaben Millionen dafür aus, um in den heiligen Hallen des Kapitalismus auf dem Kurszettel zu stehen.

Nur sind die Zeiten vorüber, als an der NYSE kein Weg vorbeiführte. Offiziell wird die Transaktion zwar als "Fusion unter Gleichen" dargestellt, aber der Deutschen Börse sollen 60 Prozent gehören , den NYSE-Aktionären rund 40 Prozent. "Da ist doch klar, wer die Hosen anhat", sagt ein Börsenhändler verbittert. "Willkommen zur Wall Strasse", ätzt das Anlegerjournal Barron’s.

Jenseits solcher Empfindlichkeiten hat dieser Deal enorme Bedeutung für die Stabilität des globalen Finanzsystems. Es entsteht die größte Börse der Welt, mit Handelsplätzen in sieben Metropolen, an denen Unternehmen mit einem Gesamtwert von 15 Billionen Dollar gelistet sind. Eine Superbörse, an der Aktien, Optionen, Futures und Indexfunds gehandelt werden. Noch ist allerdings offen, ob der Zusammenschluss die Regulierer dies- und jenseits des Atlantiks überzeugt. Und wahr ist auch, dass die Fusion weniger eine Vereinigung kraftstrotzender Riesen als eine Vorwärtsverteidigung zweier Bedrängter ist.

Der erste Grund dafür ist: Aktienbörsen verdienen ihr Geld mit Gebühren von Unternehmen, die Aktien listen lassen, mit dem Handel der Papiere und der Weitergabe von Informationen an Hedgefonds und Broker. Aber vor allem der Handel mit Aktien, für viele der Inbegriff der Börse, wirft nur noch geringe Margen ab. Schuld ist die Informationstechnologie: die Ankunft des Internets, die Verfügbarkeit immer schnellerer und immer günstigerer Computer. Mithilfe des elektronischen Handels konnten Konkurrenten plötzlich eigene außerbörsliche Handelsplätze aufziehen, und so haben sich neben den Börsen wie der NYSE in den USA rund 50 alternative Handelsplattformen etabliert, unter ihnen auch solche, auf denen sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit und anonym handeln lässt.

Die Börsenaufseher gaben dem alten System den Rest. In den USA wurde durch eine Reform im Jahr 2005 das Quasimonopol der New York Stock Exchange abgeschafft – worauf Banken und Konkurrenten lange hingearbeitet hatten. Vor der Reform wurden rund 80 Prozent der an der NYSE gelisteten Aktien dort auch gehandelt, jetzt sind es magere 20 Prozent. In Europa hatte die EU-Direktive Mifid, die 2007 in Kraft trat, einen ähnlichen Effekt.

Große Investmentfonds und Pensionsverwalter begrüßten die neuen Herausforderer. Sie erhofften sich durch den Wettbewerb niedrigere Gebühren und geringere Kosten bei ihren Aktientransaktionen. Und Institute wie Goldman Sachs, Deutsche Bank, Credit Suisse, UBS oder JP Morgan betreiben inzwischen sogar eigene Plattformen.