Ein Donnerstagabend, Ende Januar im Parlament, dem Restaurant im Keller des Hamburger Rathauses. Noch drei Wochen bis zur Bürgerschaftswahl. FDP-Wahlkampfveranstaltung mit der Spitzenkandidatin Katja Suding und Parteichef und Bundesaußenminister Guido Westerwelle. Der Saal ist gut gefüllt. Gleich wird die 35-jährige Frau, die seit einigen Wochen in der Stadt im auffälligen FDP-gelben Friesennerz von riesigen Wahlkampfplakaten ein Katalog-Lächeln lächelt, ihre erste große Rede halten. Dafür hat sie den Regenmantel gegen einen seriösen grauen Hosenanzug getauscht. Der schwarze Bob sitzt perfekt. Ihr Strahlen auch.

Doch leider wollen Rede und Frau nicht so recht zueinanderfinden. Zum Glück gibt es die gelben Karteikarten, an denen sich Katja Suding festhalten kann. Sie wirkt, als würde sie gleich einen Gast ansagen, der auf der Bühne erwartet wird. Das könnte an ihrem Job liegen, denn Suding ist PR-Frau und bis jetzt damit beschäftigt gewesen, das Image von anderen Menschen oder Produkten aufzupolieren. Und dann liest sie auch diesen Satz von einer ihrer Karten ab: "Ich bin keine Berufspolitikerin. Ich muss Job, Familie und Politik unter einen Hut bringen." Wen bewirbt die FDP-Spitzenkandidatin in ihrem Wahlkampf: die Politikerin – oder das Produkt Katja Suding?

Spitzenkandidatin der Hamburger FDP zu sein ist wahrscheinlich die unangenehmste Aufgabe bei der Bürgerschaftswahl. In einer Stadt, die sich ständig ob ihrer Liberalität feiert, eine liberale Partei aber nicht wählt – zumindest nicht die FDP. Seit zwei Legislaturperioden sitzen keine Liberalen im Stadtparlament. Kein Wunder bei einem Landesverband, der als Altherrenclub gilt, politisch ideenlos und heillos zerstritten. Das bekam auch Suding schon zu spüren: Obwohl sie keine Gegenkandidaten hatte, votierten nicht einmal siebzig Prozent der Delegierten auf dem Landesparteitag im Dezember für sie. Wenige Tage zuvor meldeten sich "anonyme Spitzenliberale" in der Hamburger Morgenpost zu Wort und sagten, dass es nicht ausreiche, nur hübsch auszusehen.

Das Projekt Suding, das vor allem darin besteht, schnell bekannt zu werden, in die Bürgerschaft zu kommen und so auch Guido Westerwelle am Anfang des Wahljahres 2011 zu einem Aufschwung zu verhelfen, begann erst vor einigen Wochen . Da erschien sie in einem auffälligen Abendkleid beim Ball des FDP-Dreikönigstreffens. Bis dahin kannte niemand Suding, die immerhin seit fünf Jahren Mitglied in der Partei ist. Nicht einmal in Hamburg. Für die Boulevardpresse ist sie seitdem die "schärfste Waffe der FDP", wird dargestellt als eine junge, dynamische Freiberuflerin (neben dem Wahlkampf arbeitet Suding etwa zwanzig Stunden in einer PR-Agentur), die während des Studiums schon Mutter wurde und heute frühmorgens an der Elbe joggt, bevor sie perfekt gekleidet, geschminkt und gut gelaunt mit Mann und Kindern am Frühstückstisch sitzt. Auch das gehört zur Produktbeschreibung von "Westerwelles next Topmodel", wie sie genannt wurde.

Wenn man der PR-Frau die Frage nach ihrem Aussehen stellt, merkt man, dass sie sich ihrer Rolle bewusst ist – die eines politischen Produkts, bei dem die Marketingstrategie aufgehen soll. "Es hat massiv Aufmerksamkeit erregt. Ich war selbst überrascht, wie sehr. Aber das gab uns noch mehr Gelegenheit, unsere Inhalte zu vermitteln", sagt Suding. Und welche wären das?

Eine zündende liberale Idee für Hamburg hat die FDP-Frau nicht. Das, was Katja Suding inhaltlich sagt, ist entweder bekannt oder anschlussfähig für alle: "Ich bin für einen starken Staat, aber an der richtigen Stelle." Gebetsmühlenartig rattert sie ihre Themen für Hamburg herunter: Die Stadt muss familienfreundlicher werden, mehr bezahlbaren Wohnraum haben, die Kitagebühren müssen runter, die Kinderbetreuung muss sowieso flexibler und überhaupt muss der Mittelstand gefördert und der Haushalt saniert werden.

Das Modell Suding erinnert da eher an Parteifreundin Silvana Koch-Mehrin . Die kandidierte 2004 für das Europaparlament, wurde aber erst so richtig bekannt, als sie sich, wie Hollywoodstar Demi Moore, mit nacktem Babybauch fotografieren ließ. Auch sie warb mit Aussehen um Aufmerksamkeit und posierte als Vorzeige-Mama.

Zurzeit liegt die Hamburger FDP in den Umfragen bei genau fünf Prozent. Und auch, wenn das, was Katja Suding sagt, sehr verwechselbar wirkt, könnte sie am kommenden Sonntag die Hamburger FDP wieder in die Bürgerschaft führen. Sie wäre dann ein Erfolgsprodukt. Eine Politikerin kann sie ja noch werden.