Die Bundesrepublik hatte von Konrad Adenauer bis Angela Merkel nur acht Bundeskanzler. Das waren und sind nicht allzu viele, und allein diese Tatsache spricht für die Stabilität der politischen Verhältnisse der Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung. Gewiss, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Krieges, als Deutschland zuerst besiegt und dann geteilt war, waren die Zeiten und ihre Herausforderungen andere. Damals zählten noch die langen Linien der Geschichte.

Im Gegensatz dazu lässt sich an den heute noch lebenden Kanzlern die Beschleunigung des Vergessens in der Politik sehr gut illustrieren. Gerhard Schröder ist nach fünf Jahren fast nur noch vage Erinnerung, Helmut Kohl bereits tiefe Geschichte, und Helmut Schmidt umgibt zu Lebzeiten schon etwas von der Aura jenes Kaiser Rotbart Lobesam aus dem Kyffhäuser. Er ragt aus einer scheinbar fernen Zeit, an die sich kaum noch jemand konkret erinnern kann, in die Gegenwart herüber.

Fünf Jahre sind fast nichts für den Historiker, für den zurückblickenden ehemaligen Akteur aber sind sie bereits eine beträchtliche Zeitspanne, in der sich vieles verändert hat. Denn für ihn gilt der treffliche Satz von Wilhelm Busch aus der "Knoppiade": "Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt / läuft die Zeit; wir laufen mit."

War die Kanzlerschaft von Helmut Kohl durch das Ende des Kalten Krieges und die deutsche Einheit bestimmt worden, so die Kanzlerschaft Gerhard Schröders durch den 11. September 2001. Und für Angela Merkels Kanzlerschaft wiederum war und ist es der 15. September 2008, jener Tag, an dem die Investmentbank Lehman Brothers die Insolvenz beantragen musste und die Weltfinanzkrise begann. In der Folge dieser Krise wurde der relative Abstieg der USA ebenso offensichtlich wie der Aufstieg der großen Schwellenländer China, Indien und Brasilien. Das seit 1989 anhaltende Reden über eine neue Weltordnung materialisierte sich seitdem für jedermann sicht- und greifbar in dem massiven Transfer von wirtschaftlicher und politischer Macht von West nach Ost.

Wir leben in den letzten zwei Jahrzehnten in wahrhaft "historischen" Zeiten, nur scheint diese Tatsache an Politik und Gesellschaft folgenlos vorbeizuziehen, denn in der deutschen Politik wird jeder historische oder strategische Bezug zunehmend durch kleine und kleinste Schritte eines umfrageorientierten Machtpragmatismus abgelöst. Dieser Befund gilt für alle relevanten Parteien. Die deutsche Politik steht dabei allerdings nicht nur vor einem subjektiven, sondern auch vor einem objektiven Problem, denn ihr traditionelles Vertrauen auf die Fortführung der strategischen Interessenkontinuitäten des Landes funktioniert nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt.

In diesem Sinne hatte es Helmut Kohl noch am einfachsten, denn er war der Vollender einer langen Linie, der Wiedergewinnung der deutschen Einheit, die sich aus der Tatsache der Teilung Deutschlands durch die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs heraus entwickelt hatte. Als sich ihm dann 1989/90 unverhofft diese nicht mehr für möglich gehaltene Chance bot, griff er mit großem Geschick zu und realisierte die deutsche Einheit. Aber bereits bei der Bewältigung der Folgen dieser neuen historischen Lage im Innern und in der Außenpolitik zeigte die Regierung Kohl erstaunliche Schwächen. Die notwendigen innenpolitischen Reformen wurden während seiner Kanzlerschaft weitgehend vertagt, und seine Balkanpolitik verstärkte die dortige gefährliche Krise, anstatt sie einzudämmen.

Gerhard Schröder trat zwar noch unter dem Banner der Kontinuität deutscher Außenpolitik an, aber die Kriege auf dem Balkan, der 11. September 2001 und der Irak-Krieg 2003 erzwangen von ihm das gerade Gegenteil, nämlich Diskontinuität und Neuanfang. Zwar war auch bereits Helmut Kohl mit der Wiederkehr des Krieges nach Europa anfangs der neunziger Jahre und daher mit völlig neuen Herausforderungen für die deutsche Außenpolitik konfrontiert worden, aber deren volle Last musste erst sein Nachfolger und dessen rot-grüne Koalition schultern.