DIE ZEIT: Herr Goerne, sind Liederabende heute noch zeitgemäß? Passt es noch in unsere Welt, wenn auf der Bühne nichts als ein schwarzer Konzertflügel steht und ein Sänger Lieder von Franz Schubert vorträgt?

Matthias Goerne: Ja! Warum denn nicht? Das Publikum dafür ist vielleicht älter geworden, und die Massen sind nie geströmt. Aber an unserer menschlichen Befindlichkeit hat sich doch nichts geändert. Mit Schubert können Sie den ganzen Menschen erklären, in all seinen Facetten, Sehnsüchten, Ängsten und Fehlern. Deshalb mache ich zurzeit auch ein Schubert-Projekt und nicht Schumann, Brahms oder Hugo Wolf. Schubert ist grenzenlos. Grenzenlos tief. Für seine Interpreten wie für sein Publikum. Ein Vers wie "Wer nie sein Brot mit Tränen aß" aus den Gesängen des Harfners zeigt: Hier ist das Leben aus den Fugen. Und das versteht intuitiv auch derjenige, der nicht alle Bände von Goethes Wilhelm Meister gelesen hat.

ZEIT: Gibt es so etwas wie ein spezielles Schubert-Publikum?

Goerne: Ja, das japanische! (lacht) Das sage ich nur, weil ich dort zweimal pro Jahr die Winterreise singen könnte, die wollen immer die Winterreise, das wird langsam zum Problem. Komischerweise ist es meistens spannender, in Frankreich, Spanien oder Portugal Schubert zu singen als in Deutschland. Das Publikum ist unbelasteter, offener. Und die Leute rennen einem die Türen ein. Das Teatro de la Zarzuela in Madrid hat 1800 Plätze, die gehen fast alle in den freien Verkauf, und es ist rappelvoll. Das deutsche Publikum kennt seinen Schubert oder meint ihn zu kennen und will es entweder genau so haben wie bei Dietrich Fischer-Dieskau oder auf keinen Fall wie bei Dietrich Fischer-Dieskau. Wenn ich in Berlin den Kammermusiksaal der Philharmonie fülle, dann kann ich froh sein.

ZEIT: Liederabende sind intim. Man muss sich sehr konzentrieren, um etwas davon zu haben, und muss darauf gefasst sein, sich selbst zu begegnen, weil nichts ablenkt. Ist den Deutschen ihre "Tiefe" heute womöglich zu anstrengend?

Goerne: Ich glaube ja nicht daran, dass die Welt sich so verändert hat, dass wir das alles plötzlich nicht mehr können oder wollen. Wir verlangen es uns nicht mehr ab! Die Übung fehlt. Das liegt an den Veranstaltern, die sich angeblich kein Risiko mehr leisten können. Aber es liegt auch daran, dass wir unsere Gefühlskultur nicht mehr pflegen. Wir haben keine Geheimnisse mehr voreinander und behaupten, keine Tabus mehr zu kennen. Jeder Hans und Franz ist heutzutage emotional, über alles wird gequatscht, jeder zieht sich aus. Das ist von jemandem, der sich in ein Lied wie Der Wanderer an den Mond versenken möchte, erst einmal wahnsinnig weit weg. Die Sehnsucht dahinter aber ist die gleiche: Man möchte hinter die Fassade gucken, Nähe spüren, Intimität.

ZEIT: Dietrich Fischer-Dieskau gilt nach wie vor als Pionier und Guru der Liedkunst. Haben die Menschen heute mehr oder weniger Angst vor Gefühlen als zu seiner Zeit?

Goerne: Fischer-Dieskau ist ja nun der Inbegriff des aufgeklärten Interpreten. Wir alle verdanken ihm unendlich viel. Eine Gestalt wie ihn konnte es nur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geben. Die Deutlichkeit seines Vortrags, die knallenden Konsonanten, überhaupt der Vorrang der Sprache – das alles hatte sicher auch mit der Angst vor emotionaler Überwältigung zu tun, mit der Angst vor der Instrumentalisierung von Gefühlen. Heute ist das anders, was der Musik sehr guttut, finde ich. Heute singen wir wieder mehr. Und müssen uns eher davor hüten, nicht zu gefühlig zu werden. Man fasst es nicht, was sich auf dem Markt inzwischen so alles tummelt! Da denkt man glatt, Franz Schubert zieht wieder im Dreimäderlhaus ein.