Als Hamburger Bürgermeister schaut man morgens in den Kleiderschrank und weiß sofort, was die Welt von einem verlangt. Man muss einen blauen Anzug tragen und darin gut aussehen. Am höchsten Hamburger Feiertag (dem Festbankett Matthiae-Mahl im Rathaus) sollte es ausnahmsweise ein Smoking sein, am zweithöchsten (Neujahrsempfang des Hamburger Abendblatts) reicht auch ein blauer Blazer mit Knöpfen aus Messing. Man wüsste gar nicht, was man von einem Hamburger Bürgermeister halten sollte, wenn es den blauen Anzug nicht gäbe.

Auf keinen Fall darf man darin so verloren wirken wie Ortwin Runde (SPD, vor zehn Jahren als Bürgermeister abgewählt, wegen mangelnder Größe verspottet) oder aus allen Nähten platzen wie Christoph Ahlhaus (CDU, seit August Bürgermeister, wegen tolpatschigen Auftretens verhöhnt). Man muss in dem blauen Anzug so gravitätisch sitzen können wie Klaus von Dohnanyi (SPD, bis 1988 Bürgermeister, in den Hanseaten-Charts unangefochten weit oben) oder so bedeutungsvoll laufen wie Henning Voscherau (SPD, bis 1997 Bürgermeister, Hockeyspieler). Wer Hamburg regieren will, muss Größe verkörpern, weltmännische Glätte, und deswegen erzählt der blaue Anzug etwas über den Abstand zur Wirklichkeit.

ZEIT-Matinee - Hamburg-Wahl 2011: Warum sollten die Wähler Sie wählen? ZEIT-Herausgeber Josef Joffe im Gespräch mit Christoph Ahlhaus (CDU) und Olaf Scholz (SPD). ZEIT-Matinee vom 30. Januar 2011

Es gab in diesem lautlosen Hamburger Wahlkampf einen einzigen aufgewühlten Nachmittag. Das war am 17. Januar, als sich Deutschlands beliebtester Politiker im Hamburger Kongresszentrum angekündigt hatte, Karl-Theodor zu Guttenberg. In der Tiefgarage unter der Halle sammelten sich die schweren Limousinen der Elbchaussee-Pensionäre. Als der Saal lange vor Guttenbergs Ankunft geschlossen wurde, stemmten sich die vielen Menschen, die nicht mehr hineingelassen worden waren, gegen die Türen wie vor einem Popkonzert.

Endlich, die Vorgruppe fing an zu spielen. Sie bestand aus Frank Schira, dem Chef der Hamburger CDU, der gegen die miserablen Umfragewerte seiner Partei zu kämpfen hatte. Er hielt eine Rede und gab sich große Mühe, den Favoriten Olaf Scholz von der SPD zu beschimpfen. Er hätte Scholz einen Trottel nennen können, einen Geisterfahrer, einen Betrüger. Aber das erschien ihm nicht scharf genug. Er nannte ihn unter dem Jubel von CDU-Anhängern "unhanseatisch". Das hörte sich zwar lächerlich an, hatte aber offenbar gesessen.

Unhanseatisch. So klang die Rache einer trotzigen Hamburger Partei. Christoph Ahlhaus, der Bürgermeister und Spitzenkandidat der CDU, hatte alles falsch gemacht, was man in Hamburg falschen machen kann. Er lachte fröhlich, sprach gefühlvoll von "unserem Hamburg" oder von seinem "vollen Herzen". Er stammt aus Heidelberg, hat Jura und Verwaltung studiert. Selbst seine politischen Gegner gestehen Ahlhaus zu, dass er wahrscheinlich ein anständiger Kerl sei, fachlich auf der Höhe.

Aber dann erzählte Ahlhaus der Illustrierten Bunte, wie er sich in seine Frau verliebt hatte. Die Nachricht flatterte sofort durch die Stadt. Da war es endgültig vorbei mit seinen Chancen auf hanseatische Würde. Indigniert verzog das Hamburger Establishment das Klaus-von-Voscherau-Gesicht.

Eine Homestory in der Bunten, mein Gott, was hatte der Mann bloß getan? Von einem Spitzenkandidaten in Köln, Frankfurt oder Berlin hätte man so etwas erwartet. Man wäre sogar enttäuscht gewesen, wenn er diese Gelegenheit ausgelassen hätte. Aber in Hamburg ist alles anders. Hamburg ist eine Halluzination. Man glaubt so lange an das Wunschbild einer erhabenen Stadt, bis man es für echt hält. Überall in Deutschland reden Politiker großer Städte im Moment über Schlaglöcher in den Straßen, aber in Hamburg wird sofort die Frage gestellt: Ist das Thema nicht unangemessen klein? Aus der Sorge um die eigene Dimension spricht die Angst, die Normalität aushalten zu müssen.