Hamburg wählt nicht wie Baden-Württemberg, nicht wie Sachsen-Anhalt und schon gar nicht wie Berlin. Kaum etwas, was in diesen Tagen in der Hansestadt geschieht, wird sich in einem der anderen sechs Bundesländer, in denen 2011 gewählt wird, wiederholen – und ganz bestimmt nicht der Triumph, den die Umfragen der SPD voraussagen. Dennoch hält die Wahl zur Bürgerschaft an diesem Sonntag schon jetzt einige Lehren bereit, die über die Hansestadt hinausweisen.

Da wäre als Erstes die Strategie der SPD. Die Sozialdemokraten haben in Hamburg einen Wahlkampf geführt, der nicht soziale Gerechtigkeit an die erste Stelle gesetzt hat (dabei gäbe es hierzu in Hamburg manches zu sagen), sondern wirtschaftlichen Erfolg. Statt sich in nutzlose Scharmützel mit der Linkspartei zu verstricken, hat SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz weit in die politische Mitte ausgegriffen. Er hat den Standort beschworen, die Unternehmer hofiert und den bisherigen Präses der Handelskammer als künftigen Wirtschaftssenator gewonnen. Scholz hat versucht, dort zu punkten , wo normalerweise die CDU stark ist.

Das Kalkül scheint aufzugehen: Nur wenn die SPD bei den Leistungsträgern – Scholz spricht von den "Tüchtigen" – Erfolg hat, kann sie Wahlen gewinnen. Ohne es auszusprechen, knüpft der stellvertretende SPD-Chef damit dort an, wo die Partei unter Gerhard Schröder aufgehört hat. Nun sind die Umstände hierfür in der Kaufmannsstadt besonders günstig. Dennoch fällt auf, wie wenig in diesem Wahlkampf die Rede von jenen Albträumen ist, die die Sozialdemokraten in den vergangenen Jahren beschwert und unter 30 Prozent gedrückt haben. Kein Wort mehr über Hartz IV und die Rente mit 67; dafür ist der leibhaftige Schröder erschienen und hat für seinen früheren Generalsekretär Scholz geworben.

Die zweite Lehre der Wahl in Hamburg trifft die CDU. Die hat es völlig anders gemacht als die SPD: Nicht ausgreifen, sondern einigeln. Kaum war Ole von Beust, der für eine liberale Großstadt-Union stand, zurückgetreten , verkündeten seine Nachfolger die Rückkehr zum vermeintlichen Markenkern. Das Resultat von "CDU pur": Erst scheiterte die schwarz-grüne Koalition, nun flüchten die Wähler. Am Sonntag müssen die Christdemokraten fürchten, dass sich ihr Stimmenanteil halbiert.

Fast unsichtbar haben sich unterdessen die Grünen durch den Wahlkampf gemogelt. Selbstbewusst hatten sie die Koalition mit der CDU aufgekündigt; nun müssen sie zittern, ob sie nach der Wahl überhaupt noch gebraucht werden. Ausgerechnet in dem Moment, in dem sich die Grünen anderswo anschicken, zu CDU und SPD aufzuschließen, haben sie sich in Hamburg noch einmal ganz in die Abhängigkeit von der SPD begeben. Die wirbt zwar für Rot-Grün, könnte aber, wenn sie überhaupt einen Partner braucht, diesen frei wählen. Selbst die FDP, die im Begriff steht, die Fünfprozenthürde zu nehmen, wäre dann wieder im Rennen.

So glücklich wie in Hamburg wird die SPD so schnell nicht wieder sein.