Neues über Hartz IV erfährt Michael Kaiser meist aus dem Radio. Als der Bundesrat am vergangenen Freitag beschließt , dass er erst einmal nichts beschließen will, und die Verhandlungen um einen Hartz-IV-Kompromiss weitergehen, sitzt Michael Kaiser gerade im Auto. Er schimpft leise vor sich hin. Zu Hause sagt er später: "Ist das Hilflosigkeit? Oder Kaltschnäuzigkeit? Wie die Politik mit diesem Thema umgeht, ist unglaublich!"

Michael Kaiser ist Unternehmer und hat eigentlich nichts mit Hartz IV zu tun. Er kommt an diesem Abend von einem Kundenbesuch in Österreich zurück. Kaiser verkauft Wachs für Skier – Grundwachs, Speedwachs, Präparationswachs. Vergangene Woche knüpfte er bei der Sportartikelmesse Ispo in München so viele Kontakte, dass er die nächsten Monate durcharbeiten könnte. Doch was Michael Kaiser an diesem Abend beschäftigt, ist die staatliche Hilfe für Langzeitarbeitslose. "So kann man mit den Menschen nicht umgehen", schimpft er. "Und dieses Bildungspaket – zehn Euro für einen Sportverein, das ist lächerlich!"

Hartz IV bringt ihn richtig in Rage. Kein Wunder, denn er hat es vor das Bundesverfassungsgericht gebracht. Michael Kaiser und seine Frau sowie zwei weitere Familien sorgten mit ihren Klagen für das Urteil, dessentwegen sich der Bundesrat überhaupt mit Hartz IV beschäftigt. Vor fast genau einem Jahr triumphierten sie in Karlsruhe. Doch noch immer ist völlig offen, was das Urteil Langzeitarbeitslosen tatsächlich bringen wird. Sicher ist nur eines: Die Kläger selbst werden davon am wenigsten profitieren.

Ihre Geschichte erscheint wie ein Stück aus dem Tollhaus. Fünf Jahre dauerte ihr Marsch durch die Gerichte. Doch zwei von ihnen bekommen deshalb keinen einzigen Cent mehr vom Staat. Egal, was die Politik beschließen wird. Der Dritte, den Hartz IV noch unmittelbar betrifft , bereitet schon das nächste Gerichtsverfahren vor. Denn mit den wenigen Euro mehr, die jetzt für Arbeitslose im Gespräch sind, will er sich nicht abspeisen lassen.

Michael Kaiser schaltete bereits 2005 einen Anwalt ein, gleich als Hartz IV in Kraft getreten war. Der Familienvater, der seinen Job verloren hatte, sollte zunächst gar nichts bekommen. Die Kaisers hatten für ihre fünf Kinder eine Ausbildungsversicherung abgeschlossen. "Das erfuhr das Amt bei einem Datenabgleich", sagt Kaiser, "und dann hieß es, die müssten wir erst einmal auflösen und von dem Geld leben." Es sei unfassbar, empört sich Kaiser heute noch: "Wer vorsorgt, wird bestraft und enteignet."

Dabei hatten die Kaisers alles getan, um von ihrem eigenen Geld leben zu können. 1998 zog die aus Thüringen stammende Familie ins Allgäu, weil der Vater dort eine Stelle als Hausmeister fand. Als er einen Bandscheibenvorfall erlitt und diesen Job verlor, hatte die Mutter immerhin noch eine Putzstelle. Doch ihr Einkommen reichte für die siebenköpfige Familie nicht aus. So wurden sie "Aufstocker" – Menschen, die Lohn beziehen und trotzdem Hartz IV benötigen. Mit den Hartz-IV-Regeln, mit den nach ihrer Erfahrung völlig unzureichenden Pauschalen – 215 Euro im Monat für ein Kleinkind, 287 Euro für einen Teenager –, wollten sich die Kaisers nicht abfinden. Sie klagten bis zum Bundesverfassungsgericht.

Ihr Prozess sorgte für Aufsehen, auch bei einigen ihrer Nachbarn in Scheidegg, einem idyllischen Örtchen nahe dem Bodensee. "Da gab es plötzlich anonyme Briefe an das Arbeitsamt", erinnert sich Michael Kaiser. "Es hieß, unsere Kinder hätten so gute Klamotten an, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen." Bei den Vorwürfen kam nichts heraus, nur Verbitterung. "Wir haben damals gelernt, Freund und Feind zu unterscheiden", sagt Michael Kaiser.

 Für Thomas Kallay wurde der Kampf gegen Hartz IV zum Lebensinhalt

Als Deutschlands oberste Richter Anfang vergangenen Jahres über ihre Klage entschieden, da hatte sich Michael Kaiser schon selbstständig gemacht. Er fuhr nicht nach Karlsruhe, dafür fehlte ihm nun die Zeit. Die Klage war erfolgreich, doch die finanzielle Situation der Familie Kaiser hat sie nicht verbessert. Die Richter stellten fest, dass die Hartz-IV-Sätze grundgesetzwidrig festgelegt worden seien, aber die Pauschalen noch bis Ende 2010 gültig blieben. Die Kaisers bekamen keinen Cent mehr zugesprochen, nicht rückwirkend, und sie erhalten auch künftig nichts. Sie sind raus aus Hartz IV. Was bleibt, sind viele schlechte Erinnerungen.

Anders geht es Thomas Kallay. Er war als einziger Kläger in Karlsruhe selbst dabei, er trug seine Verfassungsbeschwerde persönlich vor. Der Kampf gegen Hartz IV ist für ihn zum Lebensinhalt geworden. Der arbeitslose Journalist für Computerthemen engagiert sich in der Erwerbslosenberatung Arca in Eschwege. Dort betreut er andere Arbeitslose, er bietet im Internet Musterklagen zum Download an. Und er zieht gegen Hartz IV weiter vor Gericht. Gerade erst hat er Widerspruch gegen seinen jüngsten Hartz-IV-Bescheid eingelegt. Das soll der erste Schritt zu einer neuen Verfassungsklage sein. Zwischenzeitlich hatte Thomas Kallay auch schon Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erhoben; aus lauter Frust über die neuen Hartz-IV-Berechnungen zog er sie aber wieder zurück.

Kallay glaubt nicht, dass er eine Chance hat, je wieder in seinen Beruf zurückzukehren. "Mal ganz ehrlich", sagt er, "ich bin seit Jahren als Sozialaktivist bekannt, als einer, der sich kein X für ein U vormachen lässt, ich bin Gewerkschafter, politisch links, und dann bin ich auch schon 48 Jahre alt, damit zähle ich in meiner Branche als Uropa – mich stellt doch keiner mehr ein." Seit zwölf Jahren ist Kallay inzwischen arbeitslos, auch das hat seine Hoffnung schwinden lassen.

Stattdessen will er weiter gegen die Ungerechtigkeiten von Hartz IV kämpfen. Allerdings hat er seiner Frau und seiner Tochter versprochen, großen Medienrummel zu vermeiden. "Anne Will, Kerner, die ganzen Talkshows haben in den vergangenen Tagen bei mir angerufen", sagt Kallay. "Ich habe abgesagt. Sonst geht der ganze Zirkus wieder von vorne los." Mit "Zirkus" meint er die Beschimpfungen, die seine Familie erduldet hat. Als auf allen Sendern über sie berichtet wurde, erhielten die Kallays wochenlang E-Mails mit wüsten Beleidigungen, sie wurden am Telefon bedroht und beim Einkaufen beschimpft. Einmal hätten Unbekannte auf das Auto geschlagen, erzählt Kallay, mit dem seine Frau und seine Tochter vor Schmähungen geflüchtet seien. "Mir gegenüber traut sich das niemand." Kallay ist zwei Meter groß, wiegt 160 Kilo, und war nach eigenen Angaben einmal Ringer. "Aber meine Frau und meine Tochter haben sich kaum aus dem Haus gewagt." Das alles nur, weil sie ihr Recht gesucht hätten.

Die dritte Familie, die gegen Hartz IV klagte, mag heute gar nicht mehr an die Öffentlichkeit treten. Es ist eine fünfköpfige Familie aus Dortmund, die in den Medien zeitweilig besonders präsent war. Die zwölfjährige Tochter durfte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen zu einem Fototermin in Berlin besuchen ("Die Ministerin und das Hartz-IV-Mädchen", schrieb die Bild am Sonntag ), ihr neunjähriger Bruder wurde im stern vorgestellt ("Die Milliarden-Klage: Tobi gegen die Bundesrepublik"). Zweimal trat die Familie bei stern tv auf, wo sie Geringverdienern gegenübergestellt wurde, die kein Hartz IV erhalten.

Nach den Auftritten in den Medien wurden auch sie von Nachbarn und Unbekannten beschimpft. "Vor allem für die Kinder war es schlimm", sagt der Anwalt der Familie, Martin Reucher. Er begleitete sie auf einigen Medienterminen. "Meine Mandanten haben dieser Klage ein Gesicht gegeben", stellt er heute fest. "Sie haben ihren Buckel hingehalten für ein Urteil, das ihnen selbst überhaupt nichts gebracht hat."

Auch sie leben, wie die Kaisers, nicht mehr von Hartz IV. Allerdings hat sich ihre finanzielle Lage kaum verbessert. Als sie Arbeitslosengeld II bezogen, war der Vater halbtags als Lagerarbeiter bei Ikea beschäftigt. Seit einem Schlaganfall konnte er nicht mehr voll arbeiten. Seine Frau, eine gelernte Altenpflegerin, kümmerte sich um die Kinder. Knapp 800 Euro netto im Monat brachte der Job bei Ikea. Viel zu wenig, um davon eine Familie zu ernähren. Deshalb erhielten sie ergänzend Hartz-IV-Leistungen; auch sie waren "Aufstocker". Insgesamt hatten sie so knapp 1600 Euro im Monat zum Leben, plus 700 Euro für ihre Wohnung.

Im vergangenen Jahr ging der Vater mit 58 Jahren in eine Art Vorruhestand. Seine Frau nahm einen 400-Euro-Job an, außerdem erhalten sie Wohn- und Kindergeld. Damit liegen sie jetzt knapp über der Bedürftigkeitsschwelle von Hartz IV. "Sie sind vor allem froh", sagt ihr Anwalt, "dass sie diesen ganzen Schlamassel jetzt hinter sich gelassen haben."