DIE ZEIT: Professor Held, wir erleben seit der Wirtschaftskrise nicht gerade eine politische Hinwendung zur sozialen Gerechtigkeit. In Deutschland kommen die Parteien bei Hartz IV nicht zusammen , Großbritanniens Regierung spart im Sozialbereich wie nie zuvor , in den USA gibt es trotz der verheerenden Flaute harten Widerstand gegen eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes...

David Held: Darf ich auf einem kleinen Umweg antworten? Wir sollten nicht nur auf die vergangenen drei Jahre schauen, sondern sehr viel weiter zurück, ins 19. Jahrhundert. Damals gab es zwischen Fabrikbesitzern und Arbeitern ein starkes Gefühl gegenseitiger Abhängigkeit. Ob in den USA oder Großbritannien oder Deutschland: Die Unternehmer waren auch Philanthropen, die ihr Geld in das Gemeinwesen investierten, indem sie öffentliche Bibliotheken oder Konzerthallen finanzierten. Gleichzeitig fühlten sich die Beschäftigten für die Fabrik mitverantwortlich, in der sie oft ihr Leben lang arbeiteten. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts setzen wir uns damit auseinander, dass dieses Band zerrissen ist.

ZEIT: Sie sprechen von der Globalisierung ...

Held: ...seit der es nicht mehr diese enge Bindung zwischen Unternehmern und Mitarbeitern gibt. Wir bauen uns unseren Lebensstil aus den Dingen zusammen, die es gerade am billigsten irgendwo auf dem Erdball zu kaufen gibt. Handelsketten beschaffen sich ihren Nachschub irgendwo auf der Welt, Finanzmärkte organisieren grenzüberschreitend Handel und Produktion. Was es an Beziehungen dieser Kapitaleigner mit bestimmten Bevölkerungsgruppen vor Ort gibt, ist rein instrumentell.

ZEIT: Es fordert ja niemand die Rückkehr des wohltätigen Unternehmers. Eher gibt es seit der Wirtschaftskrise lautere Stimmen, die sich eine Wiedergeburt starker Wohlfahrtsstaaten wünschen...

Held: Ja, aber dabei dürfen wir nicht vergessen, dass der Wohlfahrtsstaat als wichtiges Bindeglied in dieser Art gesellschaftlicher Verträge zwischen Arbeit und Kapital entstanden ist. Er diente dem Erhalt dieses Geschäfts auf Gegenseitigkeit, in einem nationalen Rahmen. Das alles funktioniert heute nicht mehr. Die Arbeitskräfte sind noch an ihre Orte und ihre Nationalstaaten gebunden, das Kapital aber nicht mehr; die Besitzer können immer damit drohen, das Land zu verlassen. Und damit haben sich in den vergangenen 30 bis 40 Jahren die Machtverhältnisse gewaltig verschoben. Unter diesen Umständen überrascht es nicht, dass Konzepte der sozialen Gerechtigkeit oder der gesellschaftlichen Wohlfahrt nicht mehr so hoch im Kurs stehen.

ZEIT: Sie argumentieren, die Politiker seien machtlos gegenüber dem Kapital, eine sozialere Politik zu betreiben?

Held: Deutsche Unternehmen verschieben ihre Aktivitäten derzeit stark nach Osteuropa; sogar Hightechunternehmen aus dem Silicon Valley gehen inzwischen schon nach China. Es gibt keine festen Bindungen mehr zwischen Beschäftigungssicherheit und der sozialen Verantwortlichkeit des Staates. Das schränkt auch die Möglichkeiten der Politik ein, sozialen Ausgleich und soziale Gerechtigkeit zu verfolgen. Der große Bruch mag mit Ronald Reagan und Margaret Thatcher begonnen haben. Doch es waren vor allem Tony Blair, Gordon Brown und die sozialdemokratischen Nachahmer des Dritten Weges in Europa, die erklärten: Wir leben jetzt in einer neuen globalen Ära. Es ist die Aufgabe der Staaten, die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Bevölkerung sicherzustellen.