Hätte einer vor zwei, drei Jahren gesagt, in China würden demnächst Gemälde von Giorgio Morandi gesammelt, hätte man das als Party- oder Kunstmessegewäsch abgetan. Am 9. Februar setzte sich ein chinesischer Bieter in der Abendauktion bei Christie’s in London erst bei 1,4 Millionen Pfund für eine dieser bezwingend subtilen Variationen des Immergleichen durch. Qualität und Marktfrische – das Werk entstand 1953 in der Phase höchster schöpferischer Blüte und befand sich seit 1958 im Familienbesitz des damaligen Käufers – leisteten den maßgeblichen Beitrag zur Verdoppelung der Taxe. Das Beispiel aus den Moderne-Auktionen, mit denen die Erzrivalen Sotheby’s und Christie’s in der vergangenen Woche den Markt geprüft haben, belegt eindrucksvoll, wie sehr sich Verfasstheit und Präferenzen der Käufer geändert haben.

Chinesen kaufen nicht nur die klassischen Exportporzellane zurück, Russen sind längst über den Erwerb von Tscherkessenreitern und mondbeschienenen Meereswogen vor St. Petersburg hinaus. Sie waren es vor allem, die dafür sorgten, dass die Sitzungen insgesamt solide verliefen. Der Abend bei Christie’s umfasste 46 impressionistische und moderne Werke, dazu kamen 32 Lose Art of the Surreal. Unter den 16 Rückgängen war am schmerzlichsten wohl die Zurückweisung von Gauguins mit sieben Millionen Pfund angesetztem, sehr konventionellem Stillleben von 1901. An den zähen Bietgefechten, die zu Millionenzuschlägen führten, waren im Wesentlichen zwei russische Telefonbieter beteiligt. Ihnen gehören nun eine Bonnard-Landschaft (mit dem Rekordergebnis von 6,4 Millionen Pfund), eine Pariser Straßenszene von Picasso (4,9 Millionen Pfund) und Kees van Dongens Porträt der Schauspielerin Lili Damita (3,1 Millionen Pfund). Dass auch im Auktionshandel Rekorde manchmal keine 24 Stunden alt werden, zeigte sich an dem ikonischen Werk Dalís, dessen surreale Strandszene von 1926/27 für 4 Millionen Pfund an die Fundació Gala-Salvador Dalí ging.

Tags zuvor waren bei Sotheby’s zwar keine Rekorde, aber gute Ergebnisse zur stimulierenden Saisoneröffnung verbucht worden. Die Auktionsstationen des Starloses, Picassos Porträt seiner Geliebten Marie-Thérèse Walther von 1932, sprechen anschaulich von den Unwägbarkeiten der Preisentwicklung eines Kunstwerks. Nach einigen Besitzerwechseln war es 1989 in einer Versteigerung bei Habsburg Feldman in New York für 6,27 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) abgegeben worden, 1996 wurde es in der New Yorker Christie’s-Filiale für 6 Millionen Dollar offeriert, fiel durch und ging unmittelbar danach und wahrscheinlich zu einem Preis in dieser Größenordnung in eine amerikanische Sammlung, aus der es nun zur Taxe von 12 Millionen Pfund eingeliefert wurde. Einem nach aller Wahrscheinlichkeit russischen Telefonbieter wurde es nun bei 22,5 Millionen Pfund zugeschlagen. Eine andere Variante illustriert Monets Argenteuil-Landschaft von 1872. Sie brachte schätzungsgemäße 3,4 Millionen Pfund, noch 2002 war sie bei Phillips de Pury in New York mit einer Schätzung von 5 Millionen Dollar durchgefallen, was durchaus nicht hochauf- und anregend ist, sondern reichlich ernüchternd.

Das allgemein gültige Fazit für solche Millionärsveranstaltungen: Geld lässt sich nicht schöner parken; der Inflationsausgleich leistet meist einen gediegenen Beitrag, und am Ende schaut vielleicht doch noch ein Mordsgewinn dabei heraus. Voraussetzung sind stets – beim Gelegenheitskäufer, aber auch beim Sammler – Sachkenntnis und ein gutes Auge; falls nicht vorhanden, ist qualifizierte Beratung unerlässlich. Diese einfache Regel war in den Zeiten exorbitanter Ergebnisse vor dem Crash vielfach in Vergessenheit geraten. Inzwischen hat sich offensichtlich eine Käuferschaft herausgebildet, die sich diese Strategie zu eigen macht: Bei Ausnahmequalität, und nur dann, wird beherzt zugegriffen. Dann kommt es auch schon mal zu einer Auktion, bei der alle sechzig Lose weitergereicht werden.

Ganz gegen die grundlegenden Marketing-Gesetze hat Sotheby’s Stillschweigen über die Herkunft der unter dem Titel Looking closely angebotenen Sammlung vereinbart. Gerüchte verweisen auf den vermögenden Unternehmer George Kostalitz, der in Paris und Genf lebte. Er hatte dieses Auge, investierte in den sechziger bis neunziger Jahren in Chagall, Gonzalez, Freud, Bacon und Dalí, dessen Porträt des surrealistischen Dichters und Wegbegleiters Paul Éluard den keine 24 Stunden alten Christie’s-Rekord mit einem Gebot von 12 Millionen Pfund im Handumdrehen zunichtemachte. 1989 hatte Christie’s, New York, dafür 2,3 Millionen Dollar verbucht, da waren die Surrealisten gerade gar nicht mehr aktuell. Das Bacon-Triptychon, ein Porträt des Malerkollegen Lucian Freud, erwarb der Sammler 1964 im Jahr seiner Entstehung bei Marlborough in London und zahlte dafür sicherlich einen Bruchteil der nun erzielten 20 Millionen Pfund.

Eine völlig unerwartete, aber durchaus vertretbare Preissteigerung erfuhr die Komposition von Wols (eigentlich Alfred Otto Wolfgang Schulze), dem deutschen, nach Frankreich emigrierten Künstler und frühen Vertreter des Informel, der, 1951 jung verstorben, nur ein schmales Œuvre hinterlassen hat, das vielen nicht (mehr) bekannt ist. Ein engagierter Bieter und dessen beharrlicher Kontrahent haben ihm nun, Preisdatenbanken, Listen und Graphen ignorierend, die längst fällige Wertschätzung entgegengebracht (Schätzpreis: 100.000 Pfund, Zuschlag: 2,3 Millionen Pfund). Mal sehen, ob das zündet.