Wie viel Hilfe wird die Medizin krebskranken Menschen künftig bieten? Kann sie ihnen bessere Lebensqualität sichern, längeres Leben und mehr Heilung versprechen – und zu welchen Kosten?

Es ist schon lange offensichtlich, dass die herkömmliche Tumormedizin bei ihrem Kampf gegen den Krebstod nur noch geringe Fortschritte erzielen kann. Die eigentlichen Ursachen der Tumorleiden kennt sie häufig nicht. Deshalb findet in der Onkologie ein Umbruch statt: Man will die genetischen Ursachen von Krebsleiden verstehen und direkt behandeln – mit Medikamenten, die auf die molekularen Defekte in Krebszellen zielen. Doch diese Wirkstoffe sind teuer, und sie können dennoch versagen. Das löst Auseinandersetzungen um Ethik und Wirtschaftlichkeit aus, um die Abwägung von Kosten und Nutzen im Gesundheitssystem. Die ZEIT hat diesen Konflikt kürzlich beschrieben (Der Preis des Lebens, ZEIT Nr. 4/11).

In der gegenwärtigen Umbruchphase wird ein (statistisch) oft marginaler medizinischer Fortschritt mit stetig wachsender finanzieller Belastung des Gesundheitssystems erkauft. Die Gesamtschau ist ernüchternd: Obwohl bei einzelnen Krebsformen ein therapeutischer Durchbruch erzielt wurde, sinkt die Todesrate durch Krebs seit Jahrzehnten nur langsam. Viele Krebsmedikamente werden zugelassen, obwohl sie das Fortschreiten oder Wiederauftreten der Krankheit im Durchschnitt nur kurzzeitig verzögern, ohne dabei die Überlebenschance der Patienten zu erhöhen. Der unmittelbare Nutzen sowohl für das Gesundheitssystem als auch für den einzelnen Patienten ist oft fraglich.

Auch weil die neuen, gezielt wirkenden Medikamente schwere Nebenwirkungen hervorrufen können. Während wenige Patienten von ihnen profitieren, müssen viele mit massiven Einschränkungen ihrer Lebensqualität zurechtkommen. Die Abwägung zwischen gesundheitlichem Risiko und Nutzen hat nicht zuletzt finanzielle Konsequenzen, denn Nebenwirkungen verursachen zusätzlich hohe Kosten.

Ein Dilemma ist aber ebenso klar: Für den Einzelnen zählen statistische Erwägungen nicht, wenn es ums Überleben geht. Jeder könnte der Patient sein, der durch ein neues Medikament doch deutlich länger lebt oder gar geheilt wird. Wie gering die Chance sein mag – jeder, der mit Ärzten, Patienten oder Angehörigen zu tun hat, weiß doch, wie stark das Argument Hoffnung ist. Es prallen also individuelle und gesellschaftliche Interessen aufeinander: hier Lebensverlängerung für den Patienten (und Behandlungserfolg für den Arzt), dort Bezahlbarkeit für das Gesundheitssystem.