Viele kommen nur wegen der Neandertaler. Denn im Rheinischen Landesmuseum – es wurde 1820 gegründet, als eines der ersten deutschen Museen überhaupt – lag von Anfang an der Hauptakzent auf der archäologischen Sammlung, die heute sehr bedeutend ist. Doch gibt es hier neben den Exponaten aus der Urzeit und den reichen Funden aus keltischer und römischer Zeit auch eine vorzügliche, an Augenreizen und Trouvaillen überreiche Gemäldesammlung. Unvermutet stößt man auf eines jener sehr raren Meisterwerke des frühbarocken Deutschrömers Adam Elsheimer, das Die drei Marien am Grabe Christi zeigt, in sehr schöner Gestalt und überaus raffinierter Beleuchtung. Gezeigt werden auch die silbrig kühlen, so unvergleichlich vornehmen Stillleben des Pieter Claesz aus Haarlem. Oder ein Herrenbildnis von Govert Flinck, das zu den besten Gemälden des niederrheinischen Rembrandt-Schülers überhaupt gehört und einen schwarz gewandeten Kavalier vor weiter Landschaft und majestätisch roter Drapierung zeigt: als ein uns mitreißender, vor Tatkraft strotzender Mann von Welt, der den größten und schönsten Kontrast zu den arg femininen, immer allzu zaghaft und skeptisch wirkenden Kölner Patriziern bietet, die Barthel Bruyn d. Ä. im hier sehr ausgeprägten, sehr langen Herbst des Mittelalters malte.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Neben diesen beiden ungemein sehenswert bestückten Schwerpunkten des Museums – der Malerei aus dem spätmittelalterlichen Köln und aus den barocken Niederlanden – ist insbesondere die Kunst der Weimarer Republik zwischen Neuer Sachlichkeit und Kölner Progressiven mit kapitalen Werken vertreten. Franz Seiwerts Architekt, Heinrich Hoerles Dichter und Heinrich Maria Davringhausens General formieren sich zu einem epochalen Triumvirat. Das Herzstück der Sammlung wird freilich von den Gemälden der Düsseldorfer Malerschule gebildet, die nirgendwo sonst, außer natürlich in Düsseldorf, so ausgiebig vertreten ist wie hier. Im Vordergrund steht dabei das Themenrepertoire der Rheinromantik, wobei es sich vorzüglich fügt, dass man sich nur umdrehen muss, um durch die Fenster einen Blick auf Siebengebirge und Drachenfels zu werfen.

Auf das Allerbeste passt in diese Stimmung die keusch-sentimentale Kirchgängerin, die Louis Ammy Blanc 1837 in Düsseldorf malte, als Ikone des Biedermeiers und Schutzpatronin der Rheinländerinnen, als heimliche Sehnsucht aller Freunde des Weltschmerzes. Seltsam ernst, in sich versunken und melancholisch taucht sie vor uns auf, den halb unfertigen, halb verfallenen Kölner Dom als nie erfülltes Versprechen hinter sich. Sie ist so lieblich, dass man erst jetzt, bei ihrem Anblick, den Sinn dieses oft verlachten Wortes begreift. Nun würde man sich sogar wünschen, derjenige gewesen zu sein, der es erfunden hat. Um es ihr ganz allein und für alle Zeiten widmen zu können.

Das brav-fromme Motiv ging sogar in die Folklore ein. Es wurde auf Tischdecken und Plüschkissen gestickt. Gibt es Banaleres? Dennoch übt dieses Werk eine magische Anziehungskraft auf uns aus. Wir sind dem Bild, der Kirchgängerin, hoffnungslos verfallen. Warum auch immer. Und jedes Mal, wenn wir vor ihr stehen, hoffen wir inständig, nur ja keine Antwort darauf zu finden.

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