Es gibt einen deutschen Mythos, der geht so: Die Vertriebenen haben fürchterliches Leid erlitten, aber jetzt erst, lange nach Kriegsende, konnte daran erinnert werden, deshalb geschieht es mit der Wucht versäumter Jahre. Mit Büchern, Filmen, Dokumentationen, mit Ausstellungen und der Stiftung Flucht, Vertreibung, Integration. Und nun auch mit einem eigenen Gedenktag.

Der 5. August soll nach dem Willen von Union und FDP den Vertriebenen gewidmet werden – an diesem Tag haben die deutschen Vertriebenenverbände 1950 ihre Charta verabschiedet. All das, so wird betont, geschehe im Geiste der Aussöhnung.

Der aber erschließt sich vielen nicht. Nicht den Vertriebenen, die dem Erinnerungsmonopol des Verbandes misstrauen; nicht renommierten deutschen und internationalen Historikern, die zu dem Thema forschen und von denen jüngst 68 einen Aufruf gegen den Gedenktag unterzeichnet haben. Und nicht Deutschlands wichtigstem östlichen Nachbarn: Polen.

Wenn es in den vergangenen Jahrzehnten Spannungen zwischen Deutschland und Polen gab, dann ging es meistens um die Jahre des Nationalsozialismus. Es war quälend, wie unter den Kaczyński-Brüdern in Polen die Geschichte die Politik bestimmte – bis hin zu der abstrusen Forderung, bei der Stimmengewichtung in der EU doch bitte zu berücksichtigen, dass Polen ohne die Toten des Zweiten Weltkrieges weitaus größer und mächtiger wäre. Oder als das Vorhaben, eine Pipeline zwischen Russland und Deutschland an Polen vorbei zu bauen, mit Methoden aus der Nazizeit verglichen wurde. Die neue polnische Regierung hat ihre Politik weitgehend von der Vergangenheit befreit und sich um Versachlichung bemüht. Selbst bei dem umstrittenen Vertriebenenzentrum ließ Polen Deutschland schließlich gewähren – mit der einzigen Einschränkung, dass die Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach keine exponierte Rolle spielen solle.

Es schien, als komme auf Polen und Deutschland eine unaufgeregte, posthistorische Zeit zu. Diese große Chance wird mit Vorschlägen wie dem zum Gedenktag gefährdet: Was Deutschland lange von Polen verlangte – Entemotionalisierung, Versachlichung –, sollte es nun auch selbst einlösen. Das scheint auch Angela Merkel zu wissen, die bislang sehr zurückhaltend auf den Vorschlag reagiert hat. Denn die Vertreibungen sind kein Tabu, die Erinnerungsarten mittlerweile unzählig und oft hoch emotional.

Niemand bezweifelt mehr, dass die Vertriebenen großes Leid erlitten haben. Aber muss die Erinnerung in einzelne Feiertage zerlegt werden?

Die Atomisierung der Erinnerung ist selten gut. Heute noch relativieren führende Mitglieder des Vertriebenenbundes die Ursachen für den Zweiten Weltkrieg. Sie verweisen auf Englands Rolle oder auf polnische Provokationen und darauf, dass der Krieg angeblich schon vor dem 1. September 1939 seinen Anfang nahm. Sie können das, weil sie ihre Erinnerungen in immer kleinere Teile zerstückeln. Das Partikulare wird so zum Alibi – bei historischen Ereignissen, bei der Frage nach Verantwortung, auch bei Gedenktagen.