Die klassische Antwort der Konterrevolution ist die des ägyptischen Militärs: Das Parlament ist aufgelöst, die Verfassung gilt nicht mehr, die höchste Macht hat der "Hohe Militärrat", freie Wahlen kommen ganz bestimmt – in sechs Monaten. So hat noch jeder Machtergreifer geredet. Eigentlich müsste diese vertraute Sprache erschauern lassen. Doch mag die Geschichte diesmal ein freundlicheres Ende haben.

Diese Armee hat nicht geputscht, sondern nur bestätigt, was sie schon immer war: die Macht hinter dem Thron, und das ist merkwürdigerweise gut so. Denn sie hat die Kraft und Legitimität, den gefährlichsten Feind der Demokratie zu stoppen: die Anarchie, die stets den nächsten Tyrannen gebiert. Sie hat nicht den Diktator, sondern das Volk beschützt. Die Revolution bleibt friedlich.

Doch auch die iranische Revolution von 1979 war friedlich; die totalitäre Nacht kam erst später. Die Analogie hinkt. Es gibt keinen Chomeini in Kairo, keine straff vernetzte Basis in den Moscheen, keine klerikale Speerspitze. Die Muslimbruderschaft – machen wir uns nichts vor – hat weder Westminster noch Weltliches im Sinn, aber sie ist der Revolution hinterhergelaufen. Sie wird eine Kraft sein, die bestorganisierte im kommenden Mächtespiel, aber nicht die stärkste; das ist die Armee. Und das Volk? Nicht "Allah" erscholl auf dem Tahrir-Platz, sondern "Freiheit", "Wandel" und "Jobs". Es hat nicht dem Muezzin gehorcht, sondern seiner eigenen Stimme. Warum sollte diese urbane Avantgarde – jung, fröhlich, selbstbewusst – den Pharao gegen die Priesterschaft tauschen?

Die Theokraten von Teheran haben gerade den Valentinstag – Herzen und rote Rosen – verboten. Die Bruderschaft würde dafür Gelächter ernten. Kann das Militär die demokratische Revolution ersticken – wie Ahmadineschad die "grüne" von 2009, wie er es erneut in dieser Woche mit Prügeltrupps, Internetblockade und Tränengas versucht? Dazu fehlt der absolute Machtwille, der im Namen des Allmächtigen alles darf. Diese Armee wird ihre Vorherrschaft und ihre Pfründen verteidigen; deshalb bleibt der Ausnahmezustand, den Mubarak vor dreißig Jahren verhängt hat. Aber sie wird sich auf die Abschreckung, nicht auf die Attacke verlassen.

Freilich kann sie auch nicht auf Zeit spielen – bis die Demonstranten erschöpft nach Hause gehen. Die Reformen müssen glaubwürdig sein, nicht bloß kosmetisch – auch um Obama warmzuhalten, der die Armee mit 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr alimentiert. Was fehlt noch? Ein Lech Walesa, ein Nelson Mandela – einer, der die Kräfte des Aufstandes bündeln und den Generälen auf Augenhöhe begegnen kann. Twitter und Facebook können mobilisieren, nicht diktieren.

Tahrir ist nicht Tiananmen – das ist die beste Nachricht aus Arabien seit sechzig Jahren. Doch andere Analogien bleiben offen. Die dunkle ist Pakistan, eine Halbdemokratie mit freier Presse und freien Wahlen, aber hochlabil, tief gespalten, putschgefährdet und am Rande der Staatspleite. Die helle ist das Wachstumswunder Türkei, wo die Armee bis 1997 viermal geputscht, aber auch die Liberalisierung der Wirtschaft betrieben hat. Wohlstand ist immer gut für die Demokratie, es sei denn, er kommt aus den Ölquellen.