Es war einmal – eine Zeit nämlich, da sanken gewisse Damen in Ohnmacht vor Begeisterung, wenn der Name André Heller fiel. Der singende, schreibende und bei allerlei Spektakeln mitmischende Wiener Gesamtkünstler gilt noch immer als gewiefter Vermarkter von Fantasie. Was er auf die Beine stellt, wird nach wie vor pompös beworben und findet Beachtung. Hellers romantisches Reden von der Poetisierung der Welt hat ihm einen Hauch von Heiligkeit verliehen und sorgt dafür, dass er neben Bewunderung und Liebe gelegentlich Spott erntet.

Seit der Erfindung des Zirkus Roncalli 1976 steht Heller auch für alternative Manegenkunst ohne knallende Peitschen und fauchende Bestien. Magnifico heißt Hellers neue Show, die letzte Woche in München Premiere hatte. Im Lauf des Jahres wird die Show durch die Lande beziehungsweise Großstädte ziehen.

Auf dem Plakat ist ein Einhorn zu sehen. Den Skeptiker beschleichen leise Ängste. Wenn das Fabelwesen in der mittelalterlichen Buchmalerei sein verwunschenes Köpfchen einer holden Maid in den Schoß legt, ist das niedlich anzusehen, heute gehört es in die Bilderwelt unverbesserlicher Esoteriker.

Heller-Fans aber haben sich nicht abschrecken lassen, das Gedränge im großen Zelt ist gewaltig. Fotografen knipsen prominente Premierengäste, die man nicht kennt, wenn man Blätter wie die Bunte nicht liest.

Zu Beginn tritt Heller auf die Rampe und bittet um positive Energien. Kann er das nicht anders formulieren? Doch dann kommt ein guter Satz. Er bedankt sich beim Publikum: Es habe seiner Show drei Stunden Lebenszeit geschenkt, man werde sich bemühen, mit dem Geschenk sorgsam umzugehen. Es klingt nicht kokett. Ein seltene, sympathische Sichtweise.

Pressetext und Presse schwärmen im Einklang von den Pferden, die die Show in verschiedener Gestalt durchziehen: Neben dem Einhorn tauchen Zentauren, Seepferdchen, ein Pegasus und ein Walross auf – märchenhaft und zum Glück durchaus ironisch. Feierlich ernst hingegen ein erzengelhafter Pferdetanzlehrer, den man als Dompteur nicht bezeichnen kann. Er spielt mit drei wunderschönen Rappen und vermittelt die Illusion einer Welt ohne Dressur.

Wer für Mythen und naturbelassene Edelpferde weniger übrig hat, kommt mit anderen Nummern der Show auf seine Kosten. Unbegreiflicher noch als Einsteins Relativitätstheorie, wie gelenkig so ein menschlicher Körper sein kann. Egal ob mit Hüten oder Diabolos jongliert wird oder drahtige Männer mit einer die Schwerkraft auslachenden Leichtigkeit durch Ringe springen. Auf ihren Trikots sind Buchstaben, am Schluss stellen sie sich so auf, dass man das Wort BEWUNDERN lesen kann. Das ist keine ärgerliche Aufforderung. Man ist ja voller Bewunderung, liest also nur seine eigene Empfindung ab und amüsiert sich.

Die Show will für Familien da sein und ist dafür tatsächlich geeignet. Mit mehreren rein und sich danach gegenseitig die Lieblingsnummern erzählen, dürfte das Vergnügen erhöhen. Die Musik ist gut. Man kann dann besser raten, ob dies eine Passage aus einem Klavierkonzert von Mozart oder Beethoven war, ob der Song von Rufus Wainwright oder nicht.

Einmal sitzt ein Mensch einsam zwischen einem Haufen von Hölzern auf der in die Manege geschobenen Bühne. Man weiß nicht, was er vorhat. Die Hölzer sehen aus wie die Rippen eines Dinosaurier. Er fängt an zu hantieren, ganz langsam. Nach Minuten ist klar: Es wird ein riesiges schwebendes Mobile – aus archaischen Holzstäben, die sich untereinander locker wackelnd die Waage halten. Aus Chaos wird System. Man begreift das Wesen der Balance. Ein fantastisches Gebilde entsteht. Faszinierende Fertigkeit. Faszinierend aber auch, dass so ein Kunststück mit steinzeitlichen Mitteln heute funktioniert, dass 2000 Menschen eine Viertelstunde lang atemlos zusehen und vor Begeisterung toben, als der Künstler schließlich ein Holz entfernt und sein Werk zusammenbricht.

Keine körperliche Gefahren, keine aufwendige Technik. Wetten dass...?, diese so beliebte ZDF-Sendung, auch für Familien konzipiert, hätte sich von der weitgehend risikolosen und dennoch aufregenden schlichten Hochkunst der Hellerschen Artisten etwas abgucken können.