Unter dem silbern reflektierenden Tuch bewegt sich ein Kopf hin und her, rauf und runter. Fünf Beine schauen unter dem Tuch hervor: Drei gehören einem Stativ und zwei dem weltberühmten Fotografen Thomas Struth. Bekannt geworden ist Struth, der Kunst zunächst bei Gerhard Richter , dann bei Bernd Becher studiert hat, mit Fotografien von Straßenzügen in Düsseldorf, New York und Lima, von Urwaldlichtungen in Brasilien und Australien, von bevölkerten Museumssälen im Prado, in der St. Petersburger Hermitage oder dem Pergamonmuseum.

Heute steckt er in einem weißen Kittel, seine Wildlederschuhe sind in blauen Stulpen verschwunden. Nach einigen Minuten des Hin und Her taucht sein bärtiges Gesicht unter dem Tuch hervor, leicht errötet von der Hitze, eine große Plattenkamera wird sichtbar. Über seinen kurzen Haaren trägt Thomas Struth, geboren 1954 in Geldern am Niederrhein, eine voluminöse grüne Haube. Neuerdings muss sich der Fotograf öfter wie ein Clown verkleiden, um die Objekte seiner Neugier ablichten zu können.

Er interessiere sich für die Weltthemen, sagt er, für Energie, Weltraum, Transport, Medizin und Gentechnik. Er hat in den vergangenen drei Jahren bei der Nasa in Cape Canaveral, in Chemielaboren in Edinburgh und im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching fotografiert. Bisher hatte er sich stets für das Sichtbare unserer Welt interessiert, die Städte, die urwüchsige Natur und die Besucher vor dem Weltkunsterbe. Jetzt versucht er das Unsichtbare zu dokumentieren, die technischen Umwälzungen, die Prozesse der Globalisierung. "Ich will in die Fabrik gehen und sehen, wie der Maschinenraum der Moderne aussieht."

Und so fotografiert er heute im Maschinenraum von Qiagen, einem Unternehmen, das sich auf die Produktion von Gentests spezialisiert hat. Gentests, die über Leben und Tod, Gefängnis oder Freiheit entscheiden, die Angst auslösen und für Sicherheit sorgen können. Qiagen erfindet Analysetechniken und stellt die Hardware für die Tests her. Struth hat den Hauptsitz der Firma in Hilden nahe Düsseldorf schon einmal besucht, um potenzielle Motive zu finden, jetzt hat er seine Kamera vor einer Maschine aufgebaut, die Spinsäulen zusammensetzt: winzige Plastikbehälter mit einem integrierten Filter, der DNA aus Flüssigkeiten wie Blut isolieren kann.

Die Maschine, Jahrgang 1996, sieht nicht gerade nach der Zukunft der Gentechnologie aus, eher nach klassischem Maschinenbau. Weiße Farbe blättert vom Blech ab, blaue und gelbe Kabel quellen wie Adern aus ihr heraus, eine altertümliche LED-Anzeige zeigt "00" an. Obwohl sie gerade nicht in Betrieb ist, schnauft die Maschine wie eine antike Eisenbahn. Im Inneren gibt es einen Kreis von Greifarmen und Pressen, die die Plastikbehälter richtig zusammensetzen und falten, zwei Rutschen führen aus der Maschine raus: "Gutteile" steht auf der einen, "Schlechtteile" auf der anderen.