1. Verändert das Bild von den Muslimen in Ägypten das von den Muslimen in Kreuzberg?

Muslime, die gegen die Diktatur kämpfen, Muslime, die neben Christen demonstrieren, Muslime, die gewaltfrei sind, Muslime, die für Freiheit beten.

Hatte man Muslime aus dem letzten, dem Sarrazin-Jahr, nicht ganz anders in Erinnerung: Sind das nicht diejenigen, die bei uns Hartz IV abzocken, bildungsfern sind, den deutschen Staat ablehnen, im Wohnzimmer Scharia-Urteile sprechen, gewaltbereit durch Kreuzberg ziehen und am Fließband Kopftuchmädchen produzieren?

Weil die beiden Bilder vom Muslim so hart aufeinanderprallten, fiel es vielen schwer, sich an die Chancen zu gewöhnen, die sich in Nordafrika eröffneten. Zuerst hieß es: Das ist doch nur Tunesien, ein Einzelfall. Dann fingen die Ägypter an zu revoltieren. Da hieß es: Bloß nicht zu schnell freie Wahlen, weil muslimische Länder keine Tradition in der Demokratie haben. Drohte nicht eine Machtübernahme durch die Muslimbrüder? Und als die keine Machtansprüche erhoben – kommt nicht ein Bürgerkrieg? Er kam vorerst nicht, stattdessen fegten die Ägypter ihren Diktator hinweg und räumten danach den Müll vom Tahrir-Platz.

Vielleicht ist es ja so, dass die anfängliche Vorsicht, die rohrkrepierende Euphorie, mit der auf die Revolutionen dieses Jahres geblickt wurde, vom eindimensionalen Image der Muslime herrührt, das sich im letzten Jahr ausgebreitet hatte. Vielleicht fällt es deswegen zunächst schwer, die innenpolitischen Chancen zu sehen, die in diesen außenpolitischen Ereignissen liegen.

Immerhin könnte es sein, dass man sich getäuscht hat. Die Vermutung war, dass die meisten Schwierigkeiten, die es in Deutschland und Europa mit Muslimen gibt, aus deren Kultur, aus Rückständigkeit und Religion entspringen. Nun legen die arabischen Ereignisse nahe, dass es eher an den Umständen liegt, unter denen die Muslime dort unten und hier bei uns leben.

Umstände aber kann man ändern. Genau darin liegt eine Chance für uns im Umgang mit den Muslimen hier. Die Chance, unsere Perspektive auf die etwa vier Millionen Menschen zu überprüfen. Einen anderen Ton in der Ansprache für sie zu finden. Sie weder pauschal als Täter noch als Opfer zu bestimmen. Muslime dreidimensional zu betrachten: Als Individuen mit Geschichte und Tradition und allen Eigenheiten, die ein Leben in Deutschland erfordert und hervorbringt. Und richtige Fragen zu stellen: Was sind das für Menschen? Was wollen wir mit ihnen, mit ihnen zusammen anfangen? Wie verändern sie unsere Gesellschaft? Allein die Suche nach den Antworten wäre für Deutschland eine Befreiung.

Özlem Topcu