Die Frage ist auf die Tagesordnung zurückgekehrt und geistert durch jede Nachrichtensendung: Was macht eine Revolution aus? In den 1970er Jahren pflegten wir dieser Frage in Lehrveranstaltungen zur vergleichenden Revolutionsforschung nachzugehen, und wenn ich heute in meine alten Vorlesungsskripte schaue, kann ich nicht anders, als mir eine Zeitschiene vorzustellen: England 1640, Frankreich 1789, Russland 1917...und Ägypten 2011?

Der weitere Gang der Ereignisse lässt sich natürlich nicht vorhersagen. Wir können aber durchaus fragen, ob die Informationen, die uns über alle möglichen Kanäle von Twitter bis zum Fernsehen erreichen, für irgendeine Verwandtschaft mit den klassischen Modellen sprechen. Oder sollte Ägypten uns etwa lehren, die Suche nach Modellen aufzugeben? Sollten wir die Möglichkeit einer Umwälzung in Betracht ziehen, an die man in keiner der alten politikwissenschaftlichen Spielarten im Traum gedacht hat?

In den 1970er Jahren sahen wir in Frankreich die Mutter aller Revolutionen, und wir erkannten eine Reihe typischer Phasen: den Zusammenbruch der alten Ordnung, eine Periode der Verfassungserneuerung, die Gegenrevolution, Radikalisierung, Terror und eine Militärdiktatur. Sollten die aktuellen Geschehnisse diesem Muster folgen, dann haben die Ägypter kaum Phase eins absolviert und noch einen weiten Weg vor sich.

Aber warum sollten sie ihm folgen? Vielleicht, wie einige Historiker zu argumentieren pflegten, weil sich in diesem Muster eine tiefere Dialektik ausdrückt, die in jedem großen Volksaufstand auszumachen ist. Andere jedoch haben dies bestritten und auf Elemente wie eine stümperhafte politische Führung, unvorhersehbare Folgen und die schiere Kontingenz verwiesen. Hätte Ludwig XVI. rechtzeitig zu Kompromissen mit den Revolutionären gefunden oder diese entschlossen unterdrückt, dann hätten die Ereignisse auch einen anderen Verlauf nehmen können. Mubarak als neuer Ludwig XVI.?

Wie sieht es mit den anderen politologischen Prinzipien aus, auf die wir uns einmal berufen haben? Mit der "J-Kurve", die eine Wirtschaftsflaute beschreibt, auf die ein Aufschwung folgt? Der "Revolution steigender Erwartungen"? Der Überzentralisierung der staatlichen Verwaltung? Den Statusfrustrationen des Bürgertums, den "entfremdeten Intellektuellen", den fehlgeleiteten Reformen und, jawohl, dem Brotpreis?

Ehrlich gesagt, helfen mir meine abgegriffenen Vorlesungsskripte nicht, die Zeitung von heute zu verstehen. Ich habe versucht, meinen Studenten den rechten Weg zu weisen, indem ich darauf pochte, dass Marie Antoinette niemals gesagt hat: "Sollen sie doch Kuchen essen." Nun lese ich in der Zeitung, einer der Revolutionäre auf dem Tahrir-Platz habe gerufen: "Wo ist mein Kentucky Fried Chicken?" Ich glaube nicht, dass dieser Ausruf die Sehnsucht der Demonstranten nach Demokratie Lügen straft. Eher bedeutet er, dass sie über einen Sinn für Humor verfügen. Eine Revolution mit einer lustigen Ader? Hat Robespierre je gelacht?