Der Kapitalismus kann einem manchmal leidtun. Als in den vergangenen zwei Jahren die großen Krisen die Welt schreckten, waren viele Menschen plötzlich der Meinung, Kapitalismus und Krise, das sei ein Paar wie Tod und Teufel – und am Besten würden wir beides so schnell wie möglich los. Damit es endlich ein Ende hat mit der Herrschaft der Banker, der Gier, der Abzocke. Bei einer Umfrage der BBC in 27 Ländern wollten vor gut einem Jahr mehr als ein Fünftel der Befragten den Kapitalismus tatsächlich abschaffen. Alles, was diese Wirtschafts- und Gesellschaftsform in krisenfreien Jahren hervorgebracht hatte – darunter immerhin Entwicklung und Wohlstand –, zählte plötzlich nicht mehr.

Nun kommt Ha-Joon Chang mit seinem Buch 23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen. Er allerdings betont gleich auf den ersten Seiten seines Buches, dass er am System des Kapitalismus festhalten möchte. Er kennt auch kein Besseres. Der englische Originaltitel ( 23 Things They Don’t Tell You About Capitalism) macht etwas weniger polemisch deutlich, worum es dem Autor geht: mit Mythen aufzuräumen, vorzugsweise mit denen der Marktliberalen. Das Anliegen des gebürtigen Südkoreaners: das System auch aus asiatischer Perspektive beleuchten und es zudem effizienter und gerechter machen.

Jedes Kapitel beginnt mit einem Absatz über das, "was sie uns erzählen". Dann stellt Chang seine Sicht der Dinge dar: "Was sie uns verschweigen". Er beginnt mit Grundlegendem, etwa dem Diktat des freien Marktes oder dem des Shareholdervalue, also Dingen, die vermeintlich immer die besten Ergebnisse herbeiführen. Es liegt in der Natur der Sache, dass dieses "sie" nicht allen Ökonomenkollegen gerecht wird. Manche "Lügen" sind nicht mal unter neoliberalen Ökonomen mehrheitsfähig – etwa, dass Afrika zur Unterentwicklung prädestiniert sei.

Ha-Joon Chang hat in Cambridge studiert und promoviert, sein Schwerpunkt ist die Entwicklungspolitik . In vielen Kapiteln geht es mindestens am Rande um die Frage, warum arme Länder arm sind und reiche reich.

Der Autor vereinfacht und spitzt zu, das macht das Buch auch für Ökonomieeinsteiger leicht lesbar. Zumal er seine Thesen mit eingängigen Anekdoten und Beispielen untermauert. So relativiert er die Internetrevolution mit den viel größeren Veränderungen, die Waschmaschine und andere Haushaltsgeräte der Wirtschaft gebracht hätten – weil sie Hausangestellte überflüssig machten und Frauen den Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichten.

Schön ist auch die Passage, in der er darlegt, dass die damaligen Lenker der USA im Jahr 1880 noch viel von Protektionismus hielten, weil sie ihn zum Päppeln ihrer noch jungen Industrie brauchten. Warum sollten sich Entwicklungsländer also heute auf eine starke Liberalisierung einlassen? "Die politischen Rezepte der ökonomischen Superstars des ausgehenden 19. Jahrhunderts ( USA ) und der heutigen Zeit ( China ) laufen dem strenggläubigen Neoliberalismus fast diametral entgegen", schreibt Chang – und da ist was dran.

Manchmal hat seine Kritik etwas Larmoyantes und führt ihn in Sackgassen: Wenn er zum Beispiel moniert, dass viele Aktionäre gar kein langfristiges Interesse am Wohlergehen einer Firma haben, weil sie jederzeit aussteigen können. Wie neue Unternehmen alternativ finanziert werden sollen, bleibt unklar.

Das Schlusskapitel fällt ebenfalls ein wenig enttäuschend aus. Chang fordert ein Ende der "Liebesaffäre mit jenem Laissez-faire-Liberalismus, welcher uns in den letzten drei Jahren einen so schlechten Dienst erwiesen hat". Konkret fällt ihm dazu ein, Derivate und andere komplexe finanzielle Instrumente so lange zu verbieten, wie ihr langfristiger Nutzen nicht erwiesen sei. Das ist zu schlicht. Schließlich waren die Krisen in einem Punkt immer vorhersagbar: Keine war wie die vorherige.