Es geht um Evolution, Sex und die Frage, inwieweit Hormone das Verhalten der Geschlechter prägen. Ein Kongress in Heidelberg, lange haben die Experten vorgetragen. Jetzt ist Zeit für Fragen aus dem Publikum. Eine kleine, schmale Frau tritt an das Mikrofon, drückt den Rücken durch und sagt akkurat akzentuiert: "Seitdem ich um meine Position kämpfen muss, ist mein Testosteronspiegel über die Norm erhöht." Sie sei eine der wenigen Medizinprofessorinnen, und die Umwelt wirke sich ja nachweislich auf den Hormonspiegel aus. Wie genau?, fragt einer der Experten vom Podium zurück. "Ich bin risikobereiter geworden."

Unerschrockenheit ist eine Eigenschaft, die Katrin Neumann durchs Leben trägt. Schon in der Auseinandersetzung mit dem DDR-System, später im Kampf für ihr Fach. Die 49-Jährige leitet am Universitätsklinikum Frankfurt am Main die Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie – eine randständige Disziplin mit nur 300 Fachärzten im ganzen Land. Kinder mit Hörstörungen werden hier behandelt, Stotternde oder Menschen, denen die Stimme versagt. "Solche Probleme kosten nicht das Leben", sagt Neumann, "aber sie quälen und isolieren die Menschen." Bloß interessiere das viele Ärzte nicht.

Dieses Desinteresse regt Neumann auf, und sie scheut sich nicht, das offen auszusprechen. Ein Mut, den sie sich antrainieren musste. Als Kind sei sie sehr neugierig gewesen, aber um an der Welt teilzuhaben, habe sie lauter werden müssen. Heute macht sie sich stark für die Medizin des Hörens, des Verstehens, des Sprechens, des Singens – der Kommunikation also. "Ich verstehe nicht, warum das nicht mehr Gewicht hat." Schließlich falle, wer im Zeitalter der Kommunikation nicht kommunizieren könne, aus der Gesellschaft. "Die Menschen stehen doch nicht mehr massenweise an der Werkbank und feilen stumm irgendwelche Sachen..."

Das Gehör funktioniert nicht richtig, das Sprechen fällt schwer: Viele Gründe können die Verständigung behindern. Neumann führt durch ihre Abteilung. Auf dem Boden liegen vereinzelt Spielsachen. Die Sekretärin tänzelt auf Zehenspitzen über das Linoleum. "Die Absätze...", entschuldigt sie sich. Rote Schilder mahnen: "Bitte nicht stören!" Hinter den Türen horchen Patienten jeden Alters angestrengt in Kopfhörer oder sprechen heiser Wortfolgen in Mikrofone.

Katrin Neumann betritt ein Behandlungszimmer. Dort sitzt eine Ärztin mit einem Vater und seinem Jungen. Janis hat einen angeborenen Gehörschaden. Jahrelang konnte er den gut kompensieren. Janis erriet fehlende Wörter, las die Lippenbewegungen des Gegenübers, unterstützt von einem normalen Hörgerät. Dann schlugen die behandelnden Ärzte ein Cochlea-Implantat vor. Dieses fängt mit einem Mikrofon Schallwellen auf, ein Computerchip verarbeitet sie so, dass implantierte Elektroden den Hörnerv direkt reizen können. Das Sprachverstehen steigt deutlich. "Die Lehrer waren gegen die Operation", sagt Janis’ Vater. "Die meinten, er käme auch so gut mit." Neumann sagt, die Lehrer unterschätzten, wie anstrengend ständiges Wörterraten sei: "Nach vier Unterrichtsstunden ist der Junge kaputt. Der Schultag aber hat sechs bis sieben Stunden." Die Operation ist wenige Wochen her. Nun ist Janis in der ambulanten Abteilung, damit Neumanns Kollegin den Hörcomputer optimal einstellen kann.

Viele Ärzte für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO) lieben die neuen Hörprothesen. Es ist eine spannende Hochtechnologie. "Die Chirurgen, die viele Cochlea-Implantate einsetzen, geben in der HNO den Ton an", sagt Neumann. Für Janis war das ein Segen. Aber was ist mit Menschen, die weniger spektakulärer Therapien bedürfen? Wenn es, wie zum Beispiel in dem Spielfilm The King’s Speech , der jetzt in deutschen Kinos anläuft, um das Schicksal eines Stotternden geht? Eines Menschen, dem bodenlose Angst vor dem nächsten Satz rote Flecken ins Gesicht treibt? Was, wenn sich die Lebensqualität auch ohne aufwendige Technik (dafür mit viel Geduld) verbessern ließe?

So etwas interessiere die Operateure kaum, sagt Neumann. Deshalb setze sie sich ein. 14 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Hörbehinderung, 2,7 Millionen mit einem behandlungsbedürftigen Ohrgeräusch, 5 Millionen mit therapiebedürftigen Schluckstörungen, und ein Prozent der Erwachsenen stottert. Mit etwas Glück – wenn er nicht vorher am Gesundheitssystem scheitert – landet der eine oder andere in Neumanns leisem Flur.