Es gibt zwei Arten von Blindheit: Menschen, die durch einen Unfall oder eine Krankheit ihr Augenlicht verloren haben, können sich natürlich an Seheindrücke erinnern und auch davon träumen. Sie sehen dabei im Traum auch Ereignisse, die erst nach ihrer Erblindung geschehen sind. Allenfalls werden die Seheindrücke mit der Zeit blasser und schwächer.

Was aber ist mit Menschen, die blind geboren wurden, also nie in ihrem Leben etwas gesehen haben? Von denen glaubte man bis vor ein paar Jahren, dass sie im Traum nichts sehen können, dass ihre nächtlichen Erlebnisse vielmehr von den ihnen geläufigen Sinneseindrücken bestimmt werden – also vor allem vom Hören und Tasten.

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Aber dann erschien im Jahr 2003 eine Studie von Helder Bértolo und seinem Team von der Medizinischen Fakultät in Lissabon. Die Forscher behaupteten: Auch blind geborene Menschen können im Traum visuelle Eindrücke haben.

In ihrer Studie hatten sie die Träume von zehn blinden und neun sehenden Menschen protokolliert und außerdem die Aktivität eines gewöhnlich für visuelle Eindrücke zuständigen Hirnareals. Das Ergebnis war verblüffend: Die blinden Probanden berichteten zwar generell seltener von szenischen Träumen, aber wenn, dann konnten sie nicht nur die Szenen räumlich beschreiben, sie waren sogar in der Lage, Bilder davon zu zeichnen. Und ihr Hirn zeigte eine ähnliche Aktivität wie das der Sehenden.

Die Studie ist allerdings von anderen Hirnforschern kritisiert worden: Es seien keine echten Seheindrücke in den Hirnen der Blinden entstanden. Vielmehr gebe es hier ein Zentrum, das vielfältige Sinneseindrücke zu einer räumlichen Vorstellung zusammenfüge. Auch wenn die Wissenschaft das letzte Wort noch nicht gesprochen hat: Man kann zumindest sagen, dass auch blind geborene Menschen in 3-D träumen können.

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