Der Kritiker Alfred Polgar schrieb einmal über den großen Bühnenkomiker Max Pallenberg: "Sehet bei Pallenberg, was ein Hut für ein unfassbar lächerliches Ding ist! Und wie lächerlich ein Rock ist! Und ein paar Stiefel! Und ein Sessel mit einer Fläche eigens für den Popo!... Und ein Essender, wie er in ein eigenes auf- und zuklappbares Gesichtsloch hineinstopft und -schüttet! Und ein Herz, das ein paar Jahrzehnte lang auf-zu-auf-zu macht, bis es, unter großem Geschrei und heftiger Augenwasser-Sekretion Umstehender, endlich seine blöde Beschäftigung einstellt, worauf der abgespielte Mechanismus samt Gehäuse in einen Kasten gelegt und wie ein Schatz vergraben wird. Sehet bei Pallenberg, wie höllenabgrundtief-lächerlich es ist, ein Mensch zu sein, so zu sein, da zu sein, zu sein!"

Dieser tolle Beschreibung stammt aus dem Jahr 1922. Für einen Mann, der jetzt losfährt, um sich Komödien in deutschen Theatern anzusehen, liefert Polgar so etwas wie eine Gebrauchsanweisung: Kommen heutige Spieler da ran? Kann man über Pallenberg hinauskommen? Wie stellt man den Menschen heute dar, 89 höllenabgrundtief-lächerliche Jahre später?

Der erste Eindruck des Reisenden ist: Das ganze Theater ist heute Pallenberg-haft geworden.

Wir sind am Wiener Akademietheater, gezeigt wird Zwischenfälle, ein rasendes Dreistundenwerk, das aus 53 Ministücken nahezu vergessener Autoren (Daniil Charms, Georges Courteline und Cami) besteht. Es inszeniert Andrea Breth .

Manche Szenen dauern nur drei oder dreißig Sekunden; die längsten dauern drei bis vier Minuten. Es sind pralle Situationen, in welche harsch die Nadel sticht: Dann platzt eine Welt. Oder genauer: Es wird die eine, immergleiche Welt variiert; es ist so, als sähe man einen Meister beim dauernden Korrigieren einer Skizze; als sähe man den Radiergummi des HERRN über die Szenen hinfegen.

Alle Darsteller tragen business clothes, die Herren Dreiteiler, die Damen Kostüme und hohe Hacken – es geht hier um die Spezies, nicht um den Einzelnen, es geht um das Spitzenwesen der Evolution, den Westeuropäer in seiner Renommierkluft. Sehet, was für lächerliche Wesen! Ein Mann fällt tot in seinen Teller mit Spaghetti, sein Freund spricht und spachtelt weiter und verlangt ungerührt die Rechnung. Ein sechsjähriger Junge befreit sich und seine Mama vom bösen Vater, indem er ein Gewitter mithilfe eines kleinen Baumes zum schlafenden Vater lockt und den Vater vom Blitz erschlagen lässt (Blitze lieben Bäume).

Manche Szenen erinnern an Beckett, andere an gespielte Witze. Man spürt Breths Erleichterung, all das nicht "entwickeln" zu müssen bis hin zu einem Zusammenstoß, einem Abgrund – der Abgrund öffnet sich immer schon, wenn das Licht wieder angeht: Jede nächste Szene ist der Abgrund.

Ein Mann liest, während er eine Maschine zusammenbaut, deren Gebrauchsanweisung und merkt allmählich, dass er da ein Mordinstrument, die gefährlichste Maschine der Welt konstruiert: Er lässt die Werkzeuge fallen, es wird dunkel, man hört eine Explosion. Kürzer kann man Geschichte unserer Zivilisation kaum erzählen.