Meistens ist es noch nicht einmal ein Gedanke, ein Gefühl eher, ein kurzer Moment der Beunruhigung, beim Blick auf die Reichstagskuppel, an Bord eines Flugzeugs: Was, wenn jetzt das gläserne Dach einstürzte, einer eine Waffe zöge, die Welt in einem Feuerball explodierte? Dann wischt der Bundesinnenminister, dessen Aufgabe es ist, für die Sicherheit der Deutschen zu sorgen, den Anflug schnell beiseite. Selten seien solche Momente, gesteht Thomas de Maizière (CDU), ganz selten. Der Terror, der seit dem 11. September 2001 eine mal mehr, mal weniger konkrete Bedrohung geworden ist, habe sein persönliches Lebensgefühl nicht verändert. "Ich bin ein Sicherheitsminister", sagt er bestimmt, "kein Unsicherheitsminister."

Thomas de Maizière sitzt im ICE 808 von Berlin nach Hamburg, er ist auf dem Weg zur Waffenbehörde der Hansestadt, die Vorbild für ein neues nationales Waffenregister sein soll, am Abend steht ein Wahlkampfauftritt an. Nebenan haben es sich die Sicherheitsbeamten bequem gemacht, die den Minister immer begleiten, der Kellner bringt eine Cola ohne Zucker und ein Sandwich mit Käse. Der Innenminister spricht über Sicherheit und Risiko in Zeiten des Terrorismus. Das Risiko der Bundesbürger und sein eigenes.

Im November hatte Thomas de Maizière eine Terrorwarnung ausgesprochen , der ein beispielloser Polizeieinsatz folgte. Vor zwei Wochen erklärte der Innenminister, so viel Polizei sei nun nicht mehr erforderlich, dies bedeute jedoch nicht Entwarnung. Widersprüchliche Botschaften waren das, de Maizière weiß das. Er weiß auch, dass das gefährlich ist für einen Innenminister, der seine Glaubwürdigkeit zum Unterpfand seiner Politik gemacht hat. Damals, im November, habe er entschieden: "Ich gehe bis an die Grenze dessen, was ich verantworten kann, und erläutere das dann aber auch."

Die Frage nach der Terrorwarnung war: Wie kommen wir da wieder raus?

"Grundrauschen" nennt de Maizière die ständige abstrakte Bedrohung durch den Terrorismus, von der sein Vorgänger Wolfgang Schäuble oft gesprochen hat. Das Grundrauschen wird erzeugt von den vielen potenziell Verdächtigen, "Schläfern", "Topgefährdern", ihren Reisen und Gesprächen, zufällig aufgeschnappt oder gezielt abgehört. Im November hatte sich das Grundrauschen dank eigener Ermittlungen und Hinweise ausländischer Dienste zu einem Alarmklingeln im Ohr des Innenministers gesteigert. Thomas de Maizière musste sich entscheiden, was riskanter war: nichts sagen und sich im Fall eines Anschlags vorwerfen lassen, er habe die Bevölkerung nicht gewarnt. Oder warnen und sich hinterher vorwerfen lassen, er habe unnötig Panik verbreitet .

De Maizière entschloss sich zu tun, "was ich eigentlich nicht ausstehen kann". Er sprang in unbekanntes Gewässer, ließ sich auf ein Szenario ein, ohne zu wissen, wie und wann er wieder aussteigen würde. Terrorwarnung, Ausnahmezustand. Und das Ganze mit einer reichlich schizophrenen Botschaft: Ein Anschlag steht bevor, aber geht einfach weiter genau dahin, wo er möglicherweise passiert. Besucht die Weihnachtsmärkte, die Kaufhäuser, fahrt in die Innenstädte. Das passt schlecht zusammen, das gibt er zu. Aber alles andere, sagt der Innenminister, wäre eine Einladung an künftige Terroristen gewesen, den Staat lahmzulegen. "Ich wollte nicht, dass es für die Terroristen einen psychologischen Sieg ohne tatsächliche Opfer gibt", sagt de Maizière. Die Bürger sind ihm gefolgt, in den Umfragen schnellte das Thema Sicherheit nach oben, nicht aber die Zahl derer, die sich bedroht fühlten. Auch die Beliebtheitswerte des Ministers stiegen.

Doch je länger nichts passierte, je größer also der Erfolg war, desto drängender stellte sich die Frage: Wie kommen wir da wieder raus ? Und immer stärker wuchs die Erkenntnis: gar nicht. Denn das Grundrauschen ist noch immer da. Es wird noch lange da sein, jahrelang. Und für den Minister das Wissen: Wenn jetzt etwas passiert, stehe ich da wie der letzte Idiot. Er hat lange überlegt, ob er in etwas reingehen soll, aus dem es keinen klaren Ausweg gibt. Irgendwann ist ihm klar geworden, dass er eine Reise ohne Rückfahrkarte angetreten hat. Der Terror, von dem de Maizière so standhaft behauptet, er spiele in seinem Leben keine Rolle, hat ihn ganz schön fest im Griff. Die Nicht-Entwarnung ist für Thomas de Maizière eine Art politische Lebensversicherung.

Am Mittwochabend, anderthalb Wochen vor der Hamburger Bürgerschaftswahl, steht der Minister in der Aula der Stadtteilschule Oldenfelde in Hamburg-Rahlstedt, vor der Tür warten Scharen von Ordnern mit schwarz-weißen Oberarmbinden, aber es gibt nicht viel zu ordnen. Der Saal ist nicht mal halb voll, im Fernsehen läuft an diesem Abend ein Fußball-Länderspiel. De Maizière soll Wahlkampf machen für Christoph Ahlhaus, aber eigentlich ist seine Botschaft eine andere. Er will erklären, wie all die Widersprüchlichkeiten zusammenpassen. Er spreche lieber von öffentlicher als von innerer Sicherheit, beginnt der Minister. "Sicherheit", sagt de Maizière, "ist nicht die Abwesenheit von Unsicherheit. Unsicherheit gehört zum Leben, sie ist das Ergebnis von Freiheitsausübung." Wenn man jemanden heirate, wenn man seine Kinder aufs Fahrrad setze, dann wisse man nie, wie das ausgehe, fährt der Minister fort. Man könne lediglich versuchen, das Maß an Sicherheit zu erhöhen. Ein bisschen sei es bei der öffentlichen Sicherheit auch so. Die sei "nichts, was es total geben wird. Der Staat ist außerstande, Sicherheit zu garantieren." Aus dem Mund eines Sicherheitsministers ist das ein starkes Stück. Aber sonst, so erklärt de Maizière seinem erstaunten Publikum unbeirrt, bräuchte man ja keine zehn Gebote mehr.