Ich hatte das volle Programm, 13 Jahre. Ja genau: erst gefühlte fünf Jahre nur Gerade und Krumme malen, Formenzeichnen und Kastanien zählen, dann lange Zeit Schultheater, Gartenbau, Töpfern, Tischlern, Wolle spinnen. Und zum Schluss ein etwa einjähriger Crashkurs Geschichte, Schrödingergleichung, Integralrechnung und Genetik, fertig war das Abitur. Mir hat’s gefallen. Wirklich!

Ich bin gern zur Schule gegangen. Überwiegend. Ich mochte meine Mitschüler, ich mochte viele Lehrer, und ich mochte die vielen praktischen Fächer. Und ich bin überzeugt: Ein Musikraum in der Redaktion und ein Verlagsgarten hinter dem Pressehaus würden auch der ZEIT guttun. Wer nach zwei Stunden Konferenz einen Komposthaufen umsetzt oder eine Viertelstunde Klavier spielt, bevor er den ersten Satz in die Tastatur hackt, lebt glücklicher. Denn da ist schon was dran: Wir Menschen wollen uns mit Geist und Körper schöpferisch entfalten.

Zeit, mit dem "aber" zu beginnen, bevor ich ganz in den Waldorf-Slang verfalle.

Es heißt, die Waldorfschule habe zwar ein paar Schwächen bei der Vermittlung von Faktenwissen. Dafür fördere sie aber auf besondere Weise die Kreativität und die Entwicklung der Persönlichkeit. Das ist leider nicht die ganze Wahrheit. Denn wie Kreativität sich äußern und welche Persönlichkeit sich entwickeln darf, davon hat die Anthroposophie sehr genaue Vorstellungen. Wenn ich heute eine Waldorfschule besuche, sehe ich an den Wänden die gleichen Bilder, die ich vor fast 30 Jahren selbst gemalt habe: lasierte Farben in den ersten Klassen, Menschen ohne Gesichter, die Hände ohne Finger zum Himmel heben. Kein Dinosaurier weit und breit, kein Raumschiff oder was Kinder sonst in der Grundschule gern malen.

Nicht dass ich ein großer Freund von Dinosauriern oder Raumschiffen wäre, mich stört nur die Uniformität. Und die erstreckte sich zumindest zu meiner Schulzeit auf das ganze Leben eines Waldorfschülers. Es war klar, dass die Mädchen die Haare lang zu tragen hatten und zu Zöpfen geflochten. Offenes Haar wurde gern als Ausdruck von Wildheit oder Ungehorsam identifiziert. Trug eines lange Ohrringe, wurde es angewiesen, diese abzunehmen, mit dem Kommentar, wir seien doch "keine Zigeuner". Noch in der Oberstufe wurde ich gebeten, in der Schule keine T-Shirts mit Aufdruck zu tragen. Und dabei ging es um weitaus harmlosere Motive als die damals populären Monster der Heavy-Metal-Gruppe Iron Maiden.

Dass diese auch bei uns einige Fans hatte, konnte offenbar auch durch die fürsorgliche Begleitung unserer musikalischen Orientierung nicht verhindert werden. Als wir uns in der dritten Klasse für ein Instrument entscheiden sollten, wählte ich das Klavier. Wir hatten eines zu Hause. Leider entschied meine Lehrerin, ich solle erst einmal Kantele lernen. Ich weiß nicht mehr, ob es zwei Jahre waren oder mehr, die ich auf dieser geschrumpften Leier herumgezupft habe. Aber ich weiß, dass mir diese Erfahrung die Freude, ein Instrument zu lernen, auf lange Zeit verleidet hat.