Als der Vorstand der Deutschen Bundesbank am vergangenen Dienstag um 14.30 Uhr in Frankfurt zusammenkommt, um sich über Axel Webers Zukunftspläne unterrichten zu lassen, wissen andere längst Bescheid. Schon auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum Ende Januar hat der Bundesbankpräsident dem amerikanischen Starökonomen Nouriel Roubini von seinen Plänen erzählt, auf die Kandidatur für den Spitzenposten bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zu verzichten . Eine internationale PR-Agentur, die Weber eigens engagiert hat, sollte dafür sorgen, dass die Entscheidung den Deutschen schonend beigebracht wird und keine Verwerfungen auslöst.

Das ist gründlich schiefgegangen. Denn so gesprächig Axel Weber gegenüber seinen Ökonomenkollegen war: Die Kanzlerin wusste von nichts und fühlte sich überrumpelt. Für die deutsche Europapolitik ist das Kommunikationschaos um Webers Rückzug kurz vor zwei für die Währungsunion entscheidenden Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs – am 11. und am 24. März in Brüssel – ein schwerer Schlag.

Um den Euro zu retten, muss Angela Merkel dort mit deutschen Traditionen brechen und zugleich auf die tief sitzenden Ängste der Bürger vor währungspolitischen Experimenten Rücksicht nehmen. Diese fragile Balance ist nach Webers Abgang in Gefahr. Wer passt jetzt auf unseren Euro auf? , fragt Bild, und die Wirtschaftswoche titelt Axel Weber geht, die Inflation kommt. Es sind solche Schlagzeilen, die die Kanzlerin fürchten muss.

Axel Weber, der Marathonläufer, der renommierte Wirtschaftsprofessor, dem man seine pfälzische Herkunft anhört, war die ideale Projektionsfläche für deutsche Stabilitätssehnsüchte. Und er hat diese Rolle genossen. In der Öffentlichkeit gab er den geldpolitischen Hardliner. Per Zeitungsinterview kritisierte er die umstrittene Entscheidung der EZB auf dem Höhepunkt der Euro-Krise im Mai vergangenen Jahres, Staatsanleihen der hoch verschuldeten Länder aufzukaufen , schon damals denkt er über einen Rücktritt nach. Der Beschluss geht gegen seine tiefsten inneren Überzeugungen.

Doch Weber hat noch eine andere Seite. Vor allem in der Krise erweist sich der vermeintliche Falke immer wieder als Pragmatiker, für den die Problemlösung im Vordergrund steht. Als das Finanzsystem nach der Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers vor dem Zusammenbruch steht, ist es Weber, der seine Kollegen im Rat der Europäischen Zentralbank dazu dringt, die Märkte mit Geld zu fluten. Lange vor der Bundesregierung plädiert er für die Verstaatlichung maroder Banken und milliardenschwere Rettungspakete. In den allermeisten inhaltlichen Fragen vertrat der Bundesbankpräsident dieselbe Linie wie der italienische Notenbankchef Mario Draghi, dem in Deutschland mangelnde Härte nachgesagt wird.

Vielleicht geht es auch gar nicht um die Sache und nicht mal um mögliche Angebote aus dem Finanzsektor, die er bald erhalten dürfte, wenn er sie nicht schon hat. In der Deutschen Bank gilt Weber nach wie vor als Kandidat für einen Führungsposten. Vielleicht hat er einfach nur erkannt, dass er für das Notenbankerdasein nicht gemacht ist. Geldpolitik ist Kompromiss, vor allem in Europa, wo sich 17 Nationen eine Währung teilen. Weber aber schätzt die Kraft des Arguments mehr als die Kunst der Diplomatie, seine Überzeugungen sind ihm wichtiger als Loyalität gegenüber einer Institution.

Der Rettungsschirm für den Euro soll doppelt so groß werden

Der Soziologe Max Weber unterschied in seiner berühmten Schrift über die Politik als Beruf zwischen der Gesinnungsethik, die eine Handlung nach ihrer Motivation bewertet, und der Verantwortungsethik, die sich an Ergebnissen orientiert. Das Geschäft mit dem Geld erfordert die Bereitschaft, mit Blick auf das große Ganze die eigene Gesinnung hintanzustellen. Gute Währungshüter sind Technokraten. So wie Jürgen Stark, neben Weber der zweite Deutsche im Europäischen Zentralbankrat. Auch Stark war gegen die Anleihekäufe, auch er steht für eine stabilitätsorientierte Notenbankpolitik. Doch anders als Weber ging er mit seiner Kritik nicht an die Presse – und kämpft seither im Stillen für seine Position.