Fünf Quadratmeter Normalität. Auf den ersten Blick erinnert der Raum an eine Abstellkammer. Für Amin K. hat darin jedoch seine ganze Welt Platz. Im Dachgeschoss des Integrationshauses der Caritas in Innsbruck bezog der schlaksige junge Mann vor wenigen Tagen seine erste Wohnung. Eine winzige Unterkunft, in der es die Dachschräge kaum erlaubt, aufrecht zu stehen. Doch es ist sein Zimmer, das erste richtige Zuhause im Leben des 19-jährigen Marokkaners.

Die erste eigene Bleibe: ein wichtiger Schritt im Leben jedes Heranwachsenden, der erste in die Selbstständigkeit. Selbstständig war Amin K. freilich schon als Straßenkind in den Slums von Casablanca. Auf sich allein gestellt war er auch, als er im Alter von elf Jahren die Flucht nach Europa wagte und in Tirol strandete.

Nun hat Amin den abgewohnten Verschlag mit Postern von Fußballern austapeziert. Ein Tisch, ein Stuhl und eine Matratze haben ihm Bekannte aus einem Secondhandladen besorgt.

Für Amin sind die fünf Quadratmeter ein sicherer Hafen, hier ist er vor Polizeikontrollen geschützt. Denn sobald er auf die Straße tritt, beginnt ein Spießrutenlauf. Er ist "illegal im Bundesgebiet aufhältig" und kann keinen gültigen Ausweis vorweisen. Vor drei Jahren wurde sein Asylantrag abgelehnt. Seine bloße Existenz ist seitdem ein Verwaltungsdelikt. Mangels Abkommen zwischen Österreich und Marokko kann er nicht abgeschoben werden. Auch freiwillig darf er nicht in seine Heimat zurückkehren: Man kenne keinen Amin K. heißt es aus der marokkanischen Botschaft. Als Straßenkind wurde seine Geburt nicht behördlich registriert – er existierte in Marokko nie.

Marokkaner gelten in Innsbruck als Synonym für Kriminalität

Illegal, ohne Dokumente und nicht abschiebbar – Amin ist gefangen in einer absurden Spirale. Allein im vergangenen Jahr wurden dem jungen Mann 22 Verwaltungsstrafen aufgebrummt, weil er sich bei Polizeikontrollen nicht ausweisen konnte. Weit über 8000 Euro an Bußgeldern sammelten sich 2010 an; da Amin aber mittellos ist, musste er die Strafen absitzen. Kaum aus der Zelle, begann das groteske Spiel von Neuem: Polizeikontrolle, keine Dokumente, Strafe. An manchen Tagen sogar mehrmals.

"Ja weil i a Marokkana bin", erläutert Amin seine Situation im breiten Tiroler Dialekt und zuckt mit den Schultern. Die "Marokkaner" sind eine Gruppe junger Asylwerber aus Nordafrika, die seit sechs Jahren für Aufruhr in Innsbruck sorgen. Sie kontrollieren den Drogenhandel in der Tiroler Landeshauptstadt. In den italienischen Metropolen leben Tausende nordafrikanische Einwanderer ohne Perspektive. Viele von ihnen wollen nach Deutschland. Auf dem Weg dorthin bleiben einige in der Stadt am Inn hängen.

Während in Wien die Drogenszene vornehmlich aus Osteuropa versorgt wird, gelangt in Tirol das Gros des Suchtgiftes über den Brenner ins Land. Der Nachschub versiegt nicht – weder jener von Stoff noch an Dealern. Auf diesem Weg kam auch Amin im Oktober 2006 nach Österreich. Als eines von neun unehelichen Kindern einer Obdachlosen hatte er in den Straßen von Casablanca keine Chance auf eine Zukunft. Kinder wie er bekommen in dem maghrebinischen Königreich keine Papiere, sie leben in einer Parallelwelt. Wie so viele andere trat Amin die Flucht nach Europa an. Sprechen möchte er darüber nicht. Nur knapp erzählt er von seiner dreijährigen Odyssee.

Zuerst landete er in Spanien, dann nomadisierte er über Frankreich und Italien nach Tirol. Hier wurde der damals 14-Jährige von der Fremdenpolizei aufgegriffen und in das Erstaufnahmezentrum Thalham gebracht. Amin stellte einen Asylantrag, verließ das Lager aber nach nur zehn Tagen, um auf eigene Faust wieder nach Innsbruck zurückzukehren. Hier hoffte er, bei seinen Landsleuten Anschluss zu finden.

Für den Innsbrucker Polizeidirektor Thomas Angermaier eine typische Marokkaner-Karriere: "Während der Asylantrag läuft, gehen sie ihren Geschäften nach", sagt er. Er meint den Drogenhandel. Auch Amin finanzierte sich damit sein Leben. Mehrmals wurde er mit kleineren Mengen Haschisch erwischt. In den vergangenen sieben Jahren hielten sich in Innsbruck laut Angermaier rund 500 verschiedene Personen auf, die der "Marokkaner-Szene" zugeordnet werden. Die Fluktuation ist sehr hoch, sie kommen und gehen. Wer bei der illegalen Einreise erwischt wird, den verfrachtet die Polizei postwendend zurück nach Italien. Mehr als 700 solcher sofortiger Rückführungen pro Jahr sind es allein auf der Bahnstrecke über den Brenner. Über ein Drittel betreffen junge Marokkaner. Wie viele ihr Glück auf der Autobahn versuchen, will Angermaier gar nicht schätzen.