Wie war noch gleich das arabische Wort für Bescheidenheit? Gibt es das überhaupt? Für die Emirate am Golf muss es unbedingt das höchste aller Hochhäuser sein, das teuerste aller Hotels, die längste Einkaufsmeile auf Erden, und selbstverständlich ist auch die Skihalle, die dort mitten in der Wüste steht, die gewaltigste der Welt. Drunter geht’s nicht, sonst wären sie nicht zufrieden. Eine Art Sucht hat sie erfasst, die Emirate sind süchtig nach Wundern.

Mit einem Wunder hat auch alles begonnen, kaum mehr als 40 Jahre ist es her. Bis dahin war das Leben in Dubai , Abu Dhabi und den anderen Emiraten meist nur Hitze, Staub und Armut, das Land schien gemacht für Skorpione oder Wüstenfüchse, nicht aber für Menschen. Die wenigen, die es dennoch aushielten, schlugen sich als Nomaden durch, ihre Zukunft ein sandiges Nichts. Doch mitten in diesem Nichts entdeckten sie eines Tages Öl, Öl in so unfassbaren Mengen, dass der Glücksrausch bis heute kein Ende nimmt. Aus dem zerzausten Nomadenvolk wurden hochmögende Weltenherrscher. 160 Millionen Dollar sprudeln aus den Quellen in Abu Dhabi, jeden Tag.

Wer wollte es diesem Volk verdenken, dass es wundersüchtig ist? Dass es unter jeder kargen Wüste ein schillerndes Paradies entdecken möchte? Überall scheint das nächste Mirakel zu lauern. Und selbst wenn es gilt, die Zukunft des Menschengeschlechts neu zu begründen, ist dafür das sandige Nichts von Abu Dhabi genau der richtige Ort.

Der Weg in diese Zukunft führt vorbei an Einkaufszentren und Bürohäusern, vorbei an einem großen Kongressgebäude und einer noch größeren Moschee. Die Straßen sind breit und ungeheuer gerade, an ihren Rändern viele Palmen und Akazien, dahinter schimmert die nackte Wüste. Es sind Bäume am Tropf, lauter schwarze Wasserschläuche ringeln sich um die Stämme.

Dann, als schon der neue, natürlich rekordgroße Flughafen in Sicht kommt, geht es hinter einer Düne mit wogenden Lampenputzergräsern links ab. Dort liegt sie, flimmernd im Mittagsdunst, eine Stadt, eigentlich nur ein Städtchen – und doch das neue Zentrum der Welt.

So jedenfalls haben es sich die Herrscher von Abu Dhabi gedacht. Während sich in vielen arabischen Ländern das Volk erhebt und Freiheit fordert , planen hier die Staatenlenker ihre eigene Revolution. Auch sie wollen Freiheit, doch ist es die Freiheit vom Öl. Viele Jahrzehnte noch könnten sie und ihr Volk höchst angenehm von den ungeheuren Fördermengen leben. Und doch planen sie schon heute den Abschied vom Öl, sie planen Masdar, ein weiteres, ein wirkliches Wunder. Mitten in der Wüste entsteht die erste rundum klimafreundliche Stadt der Welt . Eine Stadt ohne schädliche Emissionen, gespeist allein aus erneuerbaren Energien.

Erst vor fünf Jahren wurde die Idee für dieses kolossale Vorhaben geboren. Heute schon lässt sich das erste Quartier besichtigen, ein paar Häuserblocks, ein paar Straßen nur, doch was für ein erstaunlicher Anfang!

Wie ein Wüstenfort liegt Masdar vor uns, von einem schlanken Turm überragt. Die ganze Stadt ist aufgebockt, sie steht wie Venedig auf Tausenden von Pfeilern. Auch ein paar Gondeln gibt es in Masdar, allerdings fahren sie nicht auf Wasserstraßen und ohne singende Gondolieri. Diese Gondeln piepsen, als wir einsteigen, es sind kleine, weiße Kapseln, und kaum sitzen wir in der Kabine, fahren sie unter dem sanften Geheul der Elektromotoren davon, mitten durch das Gewirr der abertausend Pfeiler.