Und der kleine Mann? Bessert seine schmale Rente mit Löwenzahn auf?

"Es muss schon sehr knüppeldick kommen, dass wir nichts mehr zu essen haben. Aber ich habe auch nichts gegen Schrebergärtnern oder gegen gewisse Lebensmittelgeschichten im Keller. Denn natürlich", sagt Otte, und seine Stimme wird ein wenig tiefer, "denkbar ist alles." China könnte sich mit den USA in die Wolle kriegen, ein großer Machtwechsel stehe an, von der Art, wie er in der Geschichte immer von Gewalt begleitet gewesen sei. Und natürlich hält auch Max Otte die Schuldenquote des Westens für besorgniserregend hoch. Deshalb investiere er selbst außer in Aktien seit Jahren in Wald, Ackerland, Gold. Und sei es nur, weil sich Katastrophenszenarien so leichter vergessen ließen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich zu Versorgungsengpässen und vielleicht sogar zu Krieg kommt, sieht Otte übrigens bei "zwanzig Prozent".

Und die Banker? Die, die es wissen müssten? Otte weiß vom Direktor einer Landesbank, der über den Kauf eines Jagdhauses nachdenkt, und von einem Fondsmanager, der den größten Teil seines Vermögens in Form von Goldbarren unter dem Frankfurter Bahnhof lagert (seinen Kunden verkauft er nach wie vor Aktien). Aber sobald man sich nähert, sind diese Leute scheu wie Rehe bei Mondschein. Keiner ruft zurück, keiner will sich als Jünger der Apokalypse outen. Oder sind all diese Geschichten einfach nur Gerüchte, die einer abseitigen Idee mehr Gewicht verleihen sollen?

In den Bergen, in Tirol, gibt es einen Mann, der behauptet, dass er seit drei Jahren Rettungspakete für Banker schnüre. Echte Rettungspakete, mit Milchpulver, Getreideriegeln und Chili con Carne mit dem Haltbarkeitsdatum 2026. Es ist Herbst, und die "Mainstream-Presse" schreibt vom Wirtschaftsaufschwung, als der größte zivile Anbieter von Notfallnahrung in Europa schon wieder Sonderschichten schieben muss. In einem abschüssigen Garten vor einem Tiroler Bauernhaus, hoch über der Kleinstadt Wörgl, umzingelt von Bergspitzen, steht der Firmenchef, ein etwas atemloser, weil dauergestresster Mann namens Karlheinz Kögel. Seit 25 Jahren beliefert er Armeen, Katastrophenschutzbehörden, Sekten, katholische Mystiker. Aber so etwas wie in den letzten drei Jahren hat er noch nie erlebt: dass plötzlich Männer in Nadelstreifen bei ihm bestellen, Zahlenmenschen, wohlhabende Finanzleute. Es habe etwa zehn Monate vor Lehman begonnen (die Reichen wissen ja immer schon vorher Bescheid), Orders aus London, teilweise sechsstellig, allem Anschein nach aus Finanzkreisen. Inzwischen, behauptet Kögel, kämen 60 Prozent seiner Kundschaft aus der Finanzbranche, und selbst zweieinhalb Jahre nach dem Urknall lasse die Nachfrage nicht nach. Investmentbanker, Ehefrauen von Investmentbankern, Direktoren kleiner österreichischer Banken. Von denen habe sich in den letzten Jahren ein gutes Dutzend mit Vorräten bei ihm eingedeckt, oft für die Mitarbeiter noch mit dazu. Nur einen Kontakt herstellen könne er natürlich zu keinem, aus Gründen der Diskretion.

Wenn man mit Leuten aus der Apokalypse-Community spricht, hört man immer wieder, dass die Medien das Thema verschwiegen, weil Chefredakteure, Politiker oder die Bilderberger (eine Gruppe einflussreicher Leute, die sich einmal im Jahr in einem Hotel irgendwo auf der Welt treffen, um globale Wirtschaftsfragen zu besprechen) sich verschworen hätten zuungunsten des Volks. Dabei ist es banaler: Niemand, der sich in Führungspositionen befindet, hat etwas davon, den eigenen Untergang zu prophezeien. (So wie jener Chefredakteur, der sich bei einem Essen weinschwer über den Tisch gebeugt und gesagt hatte: "Noch sitzen wir hier und essen Fischfilet. Aber Sie und ich wissen", Kunstpause. "Sie und ich wissen, dass es nicht mehr lange dauern wird." Einen Brunnen habe er schon gebohrt, über die nötigen Maße eines Gemüsebeets für eine vierköpfige Familie denke er nach. Ein Interview? "Um Gottes willen, bitte tun Sie mir das nicht an!" Seine Lider flackerten, und in seinen Augen lag so etwas wie Angst – nicht vor dem Weltuntergang, sondern vor der Blamage.)

Am Ende redet doch einer aus dieser Welt: der ehemalige Investmentbanker aus London, der Monate zuvor die E-Mail zum Thema Staatsbankrott geschickt hatte. Seit er einen Rohstofffonds gegründet habe, komme er viel herum, sagt er am Telefon, er treffe kleine und große Investoren, Manager von family offices, die das Geld wohlhabender Familien verwalteten. Und etwa die Hälfte dieser Leute glaube, dass das kreditfinanzierte System des modernen Kapitalismus irgendwann an sein Ende komme, weil immer mehr Kredit aufgenommen werden müsse, um alte Schulden zu tilgen. Wozu Privatleute und Unternehmen nicht mehr bereit seien – weshalb die sowieso schon überlasteten Staaten einspringen müssten. Die entscheidende Frage sei, wie dieser Schuldenexzess abgebaut würde: Zu erwarten sei im besten Fall eine Inflation, im schlimmsten Fall soziale Unruhen, Protektionismus, hohe Arbeitslosigkeit mit allen politischen Konsequenzen. "Sie glauben nicht", sagte er, "wie viele Banker sich Häuser in den Bergen zulegen, oder Ackerland. Zehn Hektar in Sussex, 20 Hektar in der Normandie, 40 Hektar in Oberbayern. Die sagen, egal, was passiert, ich habe die Zeit genutzt, um einen Teil meines Wohlstands in die neue Zeit zu transferieren." Und die Exportrekorde, die Regulierungsgesetze? "Die Regulierung hatte nicht die Aufgabe, den nächsten Crash zu verhindern, sondern die Banken am Leben zu erhalten . Es hat sich gezeigt, dass zu tief greifenden Reformen der politische Mut fehlt. Für eine grundlegende Veränderung müssten die Banken aufgespalten werden."

Sagt ein Fondsmanager. Und auch der Aufschwung, die niedrige Arbeitslosigkeit seien nur Folgen der westlichen und chinesischen Konjunkturprogramme, sprich: nicht unbedingt nachhaltig. Er selbst, sagte er zum Schluss, bereite sich übrigens nicht auf eine Katastrophe vor, von der keiner wisse, wann sie überhaupt eintrete. Seine Gesundheit und seine Freundschaften zu pflegen, das reiche ihm als Vorsorge. Außerdem wolle er sich nicht verrückt machen lassen. Er arbeite hart daran, seinen Rohstofffonds aufzubauen.

Zeit ist Geld. Das gilt erst recht vor der großen Endabrechnung.