Manchmal tut es der Kunst sehr gut, wenn man als ihr Betrachter die Augen schließt. Dann wird der Bauer, eben noch reglos auf dem Feld, plötzlich lebendig. Das Eisen der Skulptur beginnt zu singen, ein Fleck wird zur ganzen Welt. Mitunter macht es auch einfach nur plopp. Das war dann nicht so gut. Aber manchmal kommt etwas von ganz weit innen an die Oberfläche, ein Gefühl, eine Erinnerung, so wie im Fall dieses Videos in der Wiener Kunsthalle .

Ein Wind rauscht aus den Lautsprechern, in den sich ein Klappern und Scheppern von Gegenständen mischt, die im Luftzug aneinanderschlagen. Ein Geräusch, das sich zu einer seltsam vertrauten, bedrohlichen Melodie verdichtet, bis sie sich wieder verflüchtigt. Dann schlägt man die Augen auf und sieht die Mutter am Tisch, den Jungen, der uns ernst entgegenblickt, eine Hand, die über seinen Scheitel streicht, das Haus am Meer. Ängstlich fragt man sich: Sehe ich das oder denke ich das? Und schon ist man gefangen von der Kunst des Andro Wekua.

Sein Videofilm hat einen gelehrten Titel. Er heißt Sicut lilium inter spinas, zu Deutsch: Gleich Lilien unter Dornen. Man darf ihn auch gleich wieder vergessen. Was man nicht vergessen wird, sind die bewegten Bilder, schwarz-weiß, verwackelt und körnig. Man glaubt sie bereits zu kennen, wie die Melodie eines Windspiels. Unheimlich, aber vertraut. Der Junge an der Tischtennisplatte, das war doch… Und die Stretchlimousine, die sich bedrohlich langsam durch die Straßen schiebt – ist das nicht Kennedy, kurz vor seiner Ermordung?

Der Eindruck täuscht, gefilmt wurde alles in Sochumi an der georgischen Schwarzmeerküste. Es ist die Heimatstadt Wekuas, die er seit seiner Flucht vor dem Bürgerkrieg in den neunziger Jahren nicht mehr betreten durfte. Wäre er dort geblieben, wer weiß, ob man je etwas von ihm erfahren hätte. Dass er ohne Ausbildung an einer renommierten Akademie und – anfangs zumindest – ohne mächtige Protektion in wenigen Jahren zu einem der ganz großen Hoffnungsträger wurde, klingt wie eines der Traumgebilde seiner wächsernen Kunstfiguren. Vor zwei Jahren bekam er den Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst in Berlin , auf die aktuelle Schau in Wien folgen bald Ausstellungen in Kassel und Turin. Wekua; Jahrgang 1977, ist auf dem besten Weg, der Kunstwelt eine Erinnerung von ganz tief unten wieder ins Gedächtnis zu rufen: Dass die Kunst nicht zuerst mit sich selbst, sondern vor allem mit uns zu tun hat.

Das Werk des Andro Wekua will keine Kunstrevolution, seiner Form nach ist es nicht neu. Das gilt für die Videoarbeiten – mal mit Wackelkamera, mal mit Hightech-Animation – wie für die Gesichter und Figuren aus Wachs, die sich bei Madame Tussauds, Ron Mueck und Duane Hanson in demselben Verismus finden. Seine Collagen, seine Installationen, sie versetzen keine Berge, sie versetzen uns, in eine Stimmung.

Sie zitieren nicht, sie ironisieren nicht die Kunstgeschichte, den Kunstmarkt oder sich selbst. Sie wollen nicht ihre eigene Theorie mitliefern. Auch das Formale, das Spiel mit dem Material interessiert Wekua offenbar wenig, nicht der Stil und erst recht nicht die Erfindung einer Künstlerhandschrift. Was er hat, das sind zwei Fragen: Was macht die Welt zu dem, was sie ist – die Dinge an sich oder die Art, in der wir sie denken, träumen, erinnern? Und wie entkommen wir dem Bösen, das in der Welt lauert?

Die Antwort auf diese Fragen ist ein Sowohl-als-auch von Äußerem und Innerem, eine Collage aus Fremdem und Bekanntem. Im Video mischt er Archivmaterial mit eigenen, von Freunden gefilmten Aufnahmen seiner Heimatstadt im heutigen Abchasien, dem von Russland ethnisch gesäuberten Land. Daraus entsteht ein Gedankenfilm auf DVD, langsam, sprunghaft, verschwommen. Er simuliert eine Erinnerung, die stärker ist als der Schrecken der Geschichte. Was ist Sochumi? Ein Traum vom Albtraum, Lilien unter Dornen.