Am Dienstagmorgen zwischen sechs und acht Uhr standen in ganz Deutschland Züge still . In Berlin und Stuttgart war das gesamte S-Bahn-Netz lahmgelegt, in Bayern fielen ICE-Züge aus, in Nordrhein-Westfalen waren Nahverkehrsstrecken gestört. Tausende Pendler froren auf Bahnsteigen, verpassten Anschlusszüge, kamen zu spät zur Arbeit. Bis in den Abend war der Bahnverkehr beeinträchtigt. Schuld waren Warnstreiks der Lokführer bei der Deutschen Bahn und den sechs großen Privatbahnen im Nahverkehr: Abellio, Arriva, Benex, Keolis, Veolia und Hessischer Landesbahn. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) sprach von 80 Prozent ausgefallener oder massiv verspäteteter Züge. Die GDL hat nun die Aufgabe, Millionen von Bahnkunden zu erklären, was ein Bundesrahmenlokomotivführertarifvertrag ist. Denn darum dreht sich der ganze Konflikt.

1. Warum wird gestreikt?

Die GDL fordert einen einheitlichen Tarifvertrag für alle 26.000 Lokführer im Land, egal ob sie im Fern-, Nah- oder Güterverkehr beschäftigt sind, egal ob sie für die Deutsche Bahn oder die Konkurrenten arbeiten. Alle sollen das Gleiche verdienen – und zwar so viel, wie der Marktführer Deutsche Bahn bezahlt. Derzeit gebe es bei den Betreibern Lohnunterschiede von bis zu 30 Prozent, sagt GDL-Chef Claus Weselsky .

Was die Sache kompliziert macht: Um einen Flächentarifvertrag durchzusetzen, muss sich die GDL mit drei Parteien einig werden – mit der Deutschen Bahn, deren Konkurrenten im Nahverkehr und mit Unternehmen aus dem Schienengüterbereich. Die Gespräche mit ersteren beiden brach die GDL im Januar ab, mit den Güterverkehrsbetreibern führt sie aber weiter "sehr positiv verlaufende Verhandlungen".

"Widersinnig und unseriös" nannte die Deutsche Bahn die Warnstreiks am Dienstag. "Es trifft die Falschen!", sagt ihr Personalvorstand Ulrich Weber. Die GDL bestreike ausgerechnet das Unternehmen, das "fast alle Forderungen der GDL zum Flächentarifvertrag" unterstütze. Denn natürlich ist es im Interesse des Staatskonzerns, wenn die privaten Konkurrenten höhere Löhne zahlen müssen. Die GDL bestreike die Deutsche Bahn nur deshalb, glaubt Weber, weil die Aufmerksamkeit dort größer sei als bei den vielen kleinen Privatbahnen.

Weber bietet den Lokführern 1,9 Prozent mehr Lohn bei einer Vertragslaufzeit von 29 Monaten. Nach Ansicht von Weselsky ist das "ein Nichtangebot". Er fordert fünf Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Ein Berufsanfänger würde Weselsky zufolge dann rund 2400 Euro verdienen.

Verhärtet sind die Fronten auch zwischen der GDL und den Privatbahnen im Nahverkehr. Sie wehren sich dagegen, dass alle Lokführer, egal wo sie eingesetzt werden, das Gleiche verdienen sollen. "Es muss Unterschiede geben, weil die Tätigkeiten andere sind", sagt deren Verhandlungsführerin Ulrike Riedel. Die Arbeit im Regionalzug sei weniger belastend als in einem Fern- oder Güterzug, wo Lokführer oft tagelang unterwegs seien und weniger Pausen hätten. Das Szenario für die Privatbahnen für den Fall, dass sich die GDL durchsetzt, beschreibt Riedel so: "Unternehmen werden untergehen, Strecken eingestellt und Arbeitsplätze vernichtet."