Statistisch betrachtet ist die Rockmusik jetzt wirklich tot. Nach jüngsten Erhebungen aus Großbritannien zählen nur drei der hundert bestverkauften Songs des Jahres 2010 zum Genre Rock. Dass es sich bei einem der drei Titel um den in der TV-Serie Glee gespielten Journey-Oldie Don’t Stop Believin’ handelt, befördert das Ableben des Patienten Rock in den Rang eines Witzes.

Auch die Mehrheit der professionellen Beobachter spricht der Rockmusik schon länger die Fähigkeit ab, Ausdruck eines aktuellen Lebensgefühls zu sein. Aber fragen Sie mal Ihren Zahnarzt oder Anlageberater! Haben Sie gelesen, womit der Bundespräsident seiner Frau Bettina einen Herzenswunsch erfüllt hat? U2-Tickets zu Weihnachten! Die Alterskohorten der in den 1960ern und 1970ern Geborenen lassen den Rock weiterleben – draußen in den Konzertarenen, als kollektive Erinnerung an die schönen Jahre der Unordnung, als Feierabendgaudi in den Karaoke-Bars.

Wenn es einen Kanon für Karaoke gibt, gehören die größten Oasis-Hits der 1990er zweifellos dazu. Wie es um die Gaudiqualitäten der aktuellen Songs des ehemaligen Oasis-Sängers Liam Gallagher, mittlerweile auch schon 38 Jahre alt, bestellt ist, muss sich noch zeigen. Gerade ist das erste Album von Gallaghers neuer Band Beady Eye erschienen; Lobredner und Lästerer standen schon weit im Vorfeld Gewehr bei Fuß, das Ereignis gebührend zu bewerten. Different Gear, Still Speeding, so der Titel des Albums, erinnert an zahlreiche Spitzenleistungen der Unterhaltungsmusik – einer Nonstop-Retro-Schleife vergleichbar, in die auch Gallaghers eigene Heldentaten aus der Ära Oasis einfließen.

Das Album als Bühne eines notorischen Rockstars: Different Gear, Still Speeding besitzt all das, was eine große Rockplatte haben sollte – und bleibt dennoch sensationell blass. Der talentierte Sänger mit der modernistischen Playmobil-Frisur trifft den Ton, der Millionen anrührt, und hat doch kaum mehr mitzuteilen, als ein Marmeladenreklame-Entertainer in der Werbung zur Hauptsendezeit. "Baby hold on / Baby come on / Baby come on / You’re gettin’ up, gettin’ up", singt Gallagher in Bring The Light, einem frei herunterladbaren Album-Teaser, der britische Kritiker schon zu der Bemerkung veranlasste, Beady Eye hörten sich wie Status Quo an, die einen Kinks-Song spielten.

Den berühmten Mr. Gallagher ficht so etwas nicht an, sein Selbstbild ist seit den großen Oasis-Tagen in Stein gemeißelt und jetzt in einem Song verewigt: "I’m gonna stand the test of time like the Beatles and the Stones". Das liest sich wie ein Reflex auf jene Tage, in denen die Band Oasis imstande war, der Nation musikalische Großmachtfantasien zu schenken. Für die Dauer von ein paar Songs durften sich die Arbeiterklasse-Rüpel aus Manchester wie Beatles und Stones zusammen fühlen. 1995 traten sie zum medial angeheizten Showdown gegen die besser gestellten Popper von Blur an, später wurden Oasis zum Verkaufsschlager in Tony Blairs "Cool Britannia".

Die Brüder Liam und Noel Gallagher machten Rock ’n’ Roll als Umgangsform wieder populär – in einer Zeit, in der Gitarrenhelden schon von technoider Ästhetik abgelöst wurden. Sie verkörperten für eine Generation von Blokes und Lads den uralten Rocktraum, in dem soziale Schranken wie durch ein Wunder überrollt werden. Die ungleichen Brüder, der hitzige Sänger und der gebieterische Songwriter, benahmen sich dabei zunehmend wie Rowdy und Gouvernante. Noel Gallagher verließ die Band 2009 kurz vor einem Konzert in Paris, die Rest-Horde kippte ein paar Bier über die Tränen und beschloss weiterzumachen, unter dem neuen Namen Beady Eye.