Die Stimmung in den Unternehmen ist prächtig , die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne steigen. Das Land erlebt einen Aufschwung , um den es auf der Welt beneidet wird – und der allmählich gefährlich zu werden droht.

Man kann die deutsche Wirtschaft mit einem Motor vergleichen. In den vergangenen Jahren war dieser Motor zumeist nicht ausgelastet, jetzt läuft er auf vollen Touren. Irgendwann ist die Grenze der Belastungsfähigkeit erreicht. Beim Motor steigt dann die Betriebstemperatur, in der Volkswirtschaft steigt die Inflation.

Normalerweise würde die Notenbank die Wirtschaft mit höheren Zinsen herunterkühlen. Nur hat Deutschland keine eigene Notenbank mehr. Die Europäische Zentralbank muss ihr Zinsniveau so bestimmen, dass es für den Währungsraum insgesamt angemessen ist – inklusive der schwächelnden Staaten am Mittelmeer. Das bedeutet, dass die Zinsen für Deutschland in den kommenden Monaten zu niedrig sein werden, so wie sie in den Jahren der Stagnation zu hoch waren.

Das drohende Überhitzungsproblem müssen die Deutschen also schon selbst lösen. In der Krise war es die Aufgabe des Staates, die Wirtschaft anzukurbeln – durch Konjunkturprogramme und durch Stützungspakete für die Banken. Bald aber wird die öffentliche Hand die Rolle des Bremsers übernehmen müssen. Das bedeutet: Sparen und die Kreditvergabe der Geldinstitute besonders streng überwachen.

Gute Konjunkturpolitik zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich dem Trend entzieht. Wenn die Kassen leer sind und alle kürzertreten, ist die Zeit für Wohltaten da – und wenn sie voll sind und alle Geld ausgeben, ist die Zeit für Einschnitte gekommen.

So eindeutig der Konjunkturzyklus die Richtung vorgibt, so viel Spielraum lässt er im Detail. Es gibt viele Varianten des Sparens. Ob die Regierung den Spitzensteuersatz anhebt oder bei den Ärmsten knausert, ob sie Banken belastet oder bei der Infrastruktur streicht, spielt konjunkturell keine Rolle. Im Aufschwung muss die Wirtschaftspolitik wehtun – wem, das ist eine hochpolitische Frage.