Es gibt eindeutige Indizien, die dafür sprechen, dass sich an der Grundschule Lutterothstraße in Hamburg-Eimsbüttel gerade eine kleine Revolution ereignet. Auf dem Schulhof spielen nach ein Uhr mittags noch Kinder. Aus einer zur Mensa umfunktionierten Pausenhalle riecht es nach Nudeln mit Pesto. Die hingeknallten Ranzen in den Fluren sind ein Hinweis. Die Jacken an den Haken. Der Lärm aus den Klassenzimmern. Schüler, die nagelneue Tische mit Rollen unter den Beinen wie kleine Fahrzeuge durch den Raum schieben, um Platz zum Spielen zu schaffen, und die sich durch gläserne Wände gegenseitig Grimassen schneiden. Das Licht in dem roten Backsteingebäude wird nicht mehr um Punkt ein Uhr ausgeknipst, dort ist jetzt noch länger Leben.

"Ganztägige Bildung und Betreuung an Schulen", kurz GBS, nennt sich offiziell, was die Schule Lutterothstraße da gerade gemeinsam mit vier anderen Pilotstandorten erprobt. Nach den Sommerferien wollen 21 weitere Schulen starten, zum Schuljahr 2013/14 soll das Modell flächendeckend in Hamburg umgesetzt sein, so jedenfalls lautete der offizielle Zeitplan bis zur Wahl der neuen Hamburger Bürgerschaft am vergangenen Sonntag: Die Nachmittagsbetreuung soll nur noch an den Schulen stattfinden, die etablierten Horte, bisher von Kindergärten und Jugendhilfe-Einrichtungen getragen, sollen aufgelöst werden. Morgens lernen die Kinder in ihren Klassenräumen Lesen und Rechnen, nach dem Schichtwechsel um 13 Uhr machen sie an selber Stelle unter der Aufsicht eines externen Kooperationspartners Hausaufgaben, Steckperlenbilder, Spiele und Bastelarbeiten. Multifunktionalität heißt das Zauberwort, mit dem Hamburg seinen Betreuungsnotstand bei den Schulkindern endlich in den Griff bekommen will. Klassenräume, Tische, Stühle, Turnhallen, Holz- und Papierwerkstätten werden jetzt zweifach genutzt. Lehrer werden gezwungen, die Hoheit über ihr Klassenzimmer aufzugeben, müssen am Nachmittag fremde Erzieher dort walten lassen.

Man will die Kinder wegholen von der Langeweile vorm Fernseher zu Hause

10.000 Kinder mehr als bisher, mindestens 28.000 sollen im neuen Hamburger Betreuungssystem unterkommen, das nun nicht mehr "Hort", sondern "neue offene Ganztagsschule" heißt. Es soll ein Recht für jedes Schulkind geben, am Nachmittag in der Schule zu bleiben . Auch für Kinder, deren Eltern nicht berufstätig sind, Kinder von Hartz-IV-Empfängern, die bisher keinen Anspruch auf einen Hortplatz hatten. Sie will man wegholen von der Langeweile zu Hause, von den Computerbildschirmen und Fernsehern. Mehr Bildungsgerechtigkeit versprach sich der schwarz-grüne Senat vor dem Bruch der Koalition von diesen Plänen. Den Kindern an den Rändern der Gesellschaft zu helfen, gleichzeitig aber auch den Eltern, Beruf und Familie besser zu vereinbaren.

Eine guter Plan, der nur leider zu jener Sorte von Vorhaben gehört, die nichts kosten dürfen. Jedes zusätzliche Kind im System darf keinen Cent teurer werden; die neue Betreuung muss mit den rund 90 Millionen Euro auskommen, die bisher in die Horte flossen. Trotzdem verspricht man den Eltern eine kostenfreie Kernbetreuungszeit von 13 bis 16 Uhr. Also muss gespart werden, vor allem am Personal. Ein Erzieher betreut nun nicht mehr wie bisher 17 Kinder, sondern 23. Die Rechnung war für viele Eltern schnell durchschaut: Hier kauft sich die Stadt unter dem Versprechen einer halbseidenen Beitragsfreiheit (die Betreuung vor 8 Uhr morgens und nach 16 Uhr muss genauso bezahlt werden wie das Mittagessen und die Betreuung in den Ferien) die Absenkung längst etablierter Qualitätsstandards. Deshalb wehren sich Hamburgs Eltern seit fast zwei Jahren gegen diese Reform. Aber sie protestieren nicht nur, sie versuchen, Einfluss zu nehmen, bessere Bedingungen für ihre Kinder auszuhandeln.

Annette Kohlmüller war erst einmal erleichtert, als sie vor der Einschulung ihrer Tochter erfuhr, dass die Schule Lutterothstraße ihr Kind nicht nur im Unterricht, sondern auch am Nachmittag betreut. "Die Grundidee, dem Kind lange Wege zu ersparen und die Bereiche Schule und Hort zu verbinden, hat mich begeistert", sagt die berufstätige Mutter. Der nervenaufreibende Kampf um eine günstige Position auf den endlosen Wartelisten der Hamburger Horte blieb ihr erspart. Geschichten von Müttern, die mit der Einschulung ihrer Kinder resigniert ihr Berufsleben beenden, gehören auch im Jahr 2011 noch zur unfassbaren Realität einer modernen Großstadt. Sechs Monate gehört Kohlmüllers Tochter nun schon zum Pilotprojekt. Wenn sie um 13 Uhr Schulschluss hat, spielt sie eine halbe Stunde auf dem Schulhof, dann kämpft sie mit den 70 Kindern ihrer Essensschicht um einen Platz beim Mittag in einer zugigen Durchgangshalle, danach sitzt sie in einem Klassenraum und macht Hausaufgaben. Es kann ihr passieren, dass die unbenutzten Stühle schon oben auf den Tischen stehen, damit die Putzfrauen am Abend schneller fertig werden. Dann fühlt es sich so an, als habe sie den Klingelton nach der letzten Stunde verpasst.

"Ich finde das alles wenig überzeugend", sagt Annette Kohlmüller inzwischen ernüchtert. Dass den Kindern nur die Klassenräume zur Verfügung stünden, sei eine Katastrophe. Es fehlten kreative Angebote, Materialien. Ihre Tochter puzzelt viel, malt Bilder aus, sie langweilt sich oft. "Ein pädagogisches Konzept kann ich nicht erkennen", sagt Kohlmüller. "Mit Ganztagsschule hat das für mich gar nichts zu tun, denn die Lehrer sind nach wie vor nur am Vormittag da."

Wie viel Qualität darf der Quantität weichen?, fragen Hamburger Eltern nun. Was darf man in einer Stadt mit einem so eklatanten Betreuungsnotstand von einem Nachmittagsangebot an der Schule erwarten? Ist Verwahrung statt Betreuung die angemessene Antwort auf den dringenden Wunsch vieler Familien, endlich der "Vereinbarkeitsfalle" zu entkommen?