"Du bist ein Nichts", sagt der Junge zum Präsidenten. Der Satz fällt plötzlich, die Gespräche im Raum verstummen. "Du bist ein Niemand", sagt der 19-Jährige mit ruhiger Stimme, den Blick fest auf das Staatsoberhaupt gerichtet. Der Junge sitzt dem Präsidenten im Amtszimmer gegenüber, hager und sehnig, die Fäuste presst er auf die Schenkel. "Du hast mir nichts zu sagen. Du wagst es nicht. Denn wenn ich will, nehme ich mein Gewehr und bringe dich auf der Straße um." Die beiden Männer starren sich an. Der Präsident öffnet den Mund, will antworten, zögert dann. Er schließt die Augen.

Es ist der Morgen, an dem Mohamed Aden das Parlament eröffnen möchte, drei Jahre nachdem er sein Einfamilienhaus im US-Bundesstaat Minnesota verlassen hat, um hierher überzusiedeln, nach Adado, Zentralsomalia, dieser feuerroten Ebene aus Stein und Knochen, die von der Welt so gründlich vergessen wurde. Stille ist in seinem Büro. Staub weht zur Tür hinein. Die beiden Minister, die sich zu einer Besprechung eingefunden hatten, der Kommandeur der Leibgarde, der mit der Hand am Pistolenhalfter im Eingang steht, sind in ihren Bewegungen erstarrt. Der 19-Jährige ist einer von 35 Bodyguards Adens, der Fahrer eines Pickups mit aufmontiertem Maschinengewehr. Er hatte den Wagen auf eigene Rechnung an "Privatleute" verliehen. Deswegen hat ihn Aden herzitiert und fordert den Fahrzeugschlüssel. Er zeigt zur Tür und sagt kaum hörbar: "Raus".

Der Präsident verbot die Lynchmorde und baute Gefängnisse

Unruhig folgt er dem Jungen auf die Terrasse vor seinem Büro, schaut ihm hinterher, wie er vom Kommandeur weggeführt wird. Der Präsident ist nervös, und er bemüht sich, es sich nicht anmerken zu lassen. "Ich werde diese Leute nie ganz verstehen." Für einige Minuten blickt er auf den Hof mit dem lagernden Kriegsvolk, den Männern in ihren Lumpenuniformen, wie sie die Kalaschnikows schmieren, im Schatten der Gebäude dösen, spielen, lachen. Er trägt Golfmütze und Poloshirt, ist Zivilist durch und durch, und doch avancierte Mohamed Aden, 39, in den vergangenen Jahren zum Kriegsherrn. Er ist der Regierungschef des Staates Himan & Heeb, den er selbst gegründet hat. Ein Territorium mit 13.000 Quadratkilometern, das knapp so groß wie Schleswig-Holstein ist und sich von Äthiopien im Westen bis zum Indischen Ozean im Osten erstreckt. Aden ist das Oberhaupt einer halben Million Menschen. Ein ehemaliger IT-Berater, von fülliger Statur und jungenhaftem Auftreten, der in den USA kurz entschlossen seine Frau und sechs Kinder zurückließ und mit 150.000 Dollar Spenden und nur wenigen Kontakten nach Adado flog. Bis zu seiner Ankunft zählte der Ort zu einem der gewalttätigsten des Landes. Fernab der Hauptstadt Mogadischu arbeitet er an einem Experiment, das das Schicksal Somalias ändern könnte. Mohamed Aden schuf in dieser Gegend etwas, was kaum einer für möglich gehalten hatte, woran 20 Jahre lang sämtliche internationalen Bemühungen gescheitert waren: Frieden. Jeden Tag ringt er neu um ihn.

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"Hast du Angst?", fragt er mich eines Abends in seinem Regierungssitz. Zwölf Tage lang bin ich Staatsgast in Himan & Heeb, umsorgt wie ein Kronjuwel. Der Präsident hat zu meinem persönlichen Schutz 25 Milizionäre aus verschiedenen Städten seines Reiches abgezogen. Ich mache keinen Schritt ohne sie. Fünf Sicherheitsringe umgeben mich, gestaffelt in uniformierte Soldaten und Geheimpolizisten in Zivil. Sie kontrollieren Haupt- und Seitenstraßen. Jeder meiner Spaziergänge ist eine aufwendige paramilitärische Operation. Lange Handytelefonate zwischen drei Kommandeuren gehen ihnen voraus. "Move!", halten mich meine bewaffneten Freunde zur Eile an. "Move!" Wenn ich mich umdrehe, sehe ich zwei Pickups mit großkalibrigen Maschinengewehren, "Technicals", die mir im Schleichtempo folgen.

Ich bin von Deutschland aus drei Tage unterwegs gewesen, zwei davon verbrachte ich in Flugzeugen, in großen, kleinen, ganz kleinen, den dritten in einem bewaffneten Konvoi, der mich schließlich in das Reich von Mohamed Aden brachte. Himan & Heeb, was "Land und Wasser" bedeutet, will kein unabhängiger Staat sein, ist es aber de facto. Die Übergangsregierung in der Hauptstadt Mogadischu kämpft gegen die radikalislamistische al-Schabab ums Überleben und kontrolliert nur noch wenige Straßenzüge. Unterstützung von dort kann Mohamed Aden nicht erwarten. Seine Basis ist das Siedlungsgebiet des Clans der Saleban. Nicht weit im Süden herrscht al-Schabab, im Osten liegen die Hochburgen der Piraten. "Wir leben wie auf einer Insel", begrüßte er mich lachend in seinem Büro, "und drum herum sind die Haie."

Der Untergang Somalias ist eine der heftigsten Erschütterungen, die den afrikanischen Kontinent je heimgesucht haben. Die Katastrophe jährt sich zum 20. Mal, sie begann am 26. Januar 1991 mit dem Sturz des Diktators Siad Barre und setzt sich seitdem fort. Die Republik Somalia zerfiel in viele Bruchstücke , und die Bruchstücke zerfielen erneut. Immer tiefer versank das Land in den Strudel der Unregierbarkeit. Die Feinde des Diktators, die ihn besiegten, Stammesführer und Generäle, wurden sich selbst zu Feinden. Die Hauptstadt Mogadischu, einst eine Schönheit am Indischen Ozean mit begünstigtem Klima und Traumstränden, begann sich aufzulösen, in Mörtel und Putz, in Stein und Staub. Die Kiefer der Gewalt mahlten in wechselnde Richtungen und schliffen den Ort zur endzeitlichen Trümmerstätte. Es starben in 20 Jahren bis zu eine Million Menschen, 700.000 flohen ins Ausland und 1,55 Millionen innerhalb der Grenzen. Die vier großen Clans, deren traditionelle Strukturen das Land einst lose zusammenhielten, zerbrachen in 18 regionale Subclans, die wiederum in 51 Subsubclans zerstoben. Es gibt dem "Terror Risiko Index" zufolge keinen Ort auf der Welt, an dem die Gefahr größer ist , Opfer von Terrorismus zu werden.

Er habe nicht geplant, hier Staatschef zu werden, sagt Mohamed Aden, es sei nur das eine zum anderen gekommen. Der Sohn eines Mechanikers aus Mogadischu wollte in den USA nach dem Studium Geld verdienen. Hart hatte sich Aden seinen sozialen Aufstieg in den Staaten erkämpft, war als 20-Jähriger aus Somalia über Nairobi nach Miami geflohen. Schlug sich durch in Obdachlosenheimen in Florida, arbeitete später als Parkeinweiser und Nachtschichtler in Minnesota. Nirgendwo in den USA leben so viele Somalis. Wie Magnetspäne ziehen sie sich in der Fremde an, 50.000 zählen sie inzwischen, und viele verlieren sich in Alkoholismus und Depression. Die Kriminalitätsraten sind hoch. Aden hingegen rackerte, erhielt Stipendien, holte seine Highschool-Liebe aus Mogadischu nach, bekam fünf Kinder, gründete nach dem Studium ein kleines IT-Beratungsunternehmen. Als er im Herbst 2007 zum ersten Mal nach Adado reiste, in die Geburtsstadt seines Vaters, beabsichtigte er zunächst, nur zwei Wochen zu bleiben. Zusammen mit vier somalischen Freunden aus den USA hatte er bei einer schweren Hungersnot helfen wollen. Dabei dachten sie an das Bohren von Brunnen und Verteilen von Lebensmitteln. Doch sie sahen, dieses Land brauchte so viel mehr.

In den ersten Monaten lösten sie auf der Hauptstraße Adados das Dutzend Checkpoints auf, indem sie die Wegelagerer bezahlten und sie zu Polizisten machten. Die Ältesten der Stadt hatten die Heimkehrer gebeten, Verantwortung zu übernehmen, und Aden führte jetzt Steuern auf Ziegen und Kamele ein, um ihre Gehälter zu finanzieren. "Das hat uns anderthalb Jahre gekostet, bis die Leute das akzeptierten. Die wussten einfach nicht, was Steuern sind." Er gründete ein Distriktgericht und ein Stadtgericht, verbot das Lynchen, baute ein Gefängnis, ließ das Tragen von Gewehren in der Öffentlichkeit untersagen. Zahlte hier, drohte dort, beendete den Teufelskreis der Blutrache, indem er aus der Staatskasse die Angehörigen getöteter Menschen entschädigte. Es half auch, dass er das Vertrauen der somalischen Diaspora genießt. Sie spendete Millionen. Aden ließ damit 20 Brunnen für jeweils 150.000 Dollar bohren, um die schlimmsten Verteilungskämpfe unter den Nomaden zu beenden. Vom ersten Tag an, erzählt er, bekam er Todesdrohungen. Er blieb trotzdem, als Einziger von den vier Freunden. "Die USA vermissen mich nicht", sagt er. "Aber hier kann ich etwas bewirken." Der IT-Mann will sich bewähren, alles riskieren, um viel zu gewinnen. Das könnte am Ende eine Position in einer internationalen Organisation oder der somalischen Regierung sein. Aber Aden ist auch Idealist, er sagt: "Ich bin bereit, mein Leben zu opfern, wenn ich viele andere retten kann."