Dein leichter Silberblick. Ja, das muss es wohl sein. Ach, Du weißt gar nicht, wie sehr ich mir mein Hirn zermartert habe mit der Frage, warum ich ausgerechnet Dir verfallen musste. Dass Du weder mich noch sonst irgendjemanden je anschaust, ich habe es hingenommen; immer war Dein Blick in die Ferne und nach innen zugleich gerichtet. Melancholisch versonnen, in traurigem Ernst, voller entrücktem Stolz – ich kenne Deine Augen. Dazu Deine Gestalt: die schmalen Finger Deiner Linken, die Deinen edlen langen Umhang raffen, der Dich wärmt, weil Du mit Deiner Rechten ihn schützend um Schulter und Hals ziehst, während Du Deinen Kopf voller Anmut wendest. Kalt ist es hier ja bei Dir im Naumburger Dom, eiskalt – doch es lodert in Dir, ich spüre es.

Wer Dich nur als keusche Heilige sah, war blind: das berückende Ebenmaß Deiner eleganten Züge, Deine schlanke, fast scharfe Nase, Dein zartes, leicht trotziges Kinn, Deine Lippen, die sich eigentlich öffnen wollen, wenn der Moment gekommen ist... Dir ewigen Verführerin also stehe ich nun gegenüber, ganz direkt, Auge in Auge und nicht zu Dir aufschauend wie sonst, drei Meter unter Dir im Westchor des Domes. Wissenschaftler sind Dir zu Leibe gerückt, haben ihn untersucht; nun darf man auf das Gerüst, um Dir nahe zu sein, per Anmeldung noch bis zum 27. Februar und dann gewiss hundert Jahre nicht mehr. Meine einmalige Chance bei Dir: Betörend anmutig stehst Du also vor mir, hinreißend kühle Diva, 750 Jahre jung – welch Frevel, dass der schreckliche Georg Dehio, dieser spießige Kunstsortierer für alle deutschen Bildungsbürgerlein, Dir einst "etwas geistlose Züge" attestiert hat!

Und dann erst dieser Kunsthistoriker-Schurke Wolfgang Ullrich, der in einer brutal klugen Studie Dich in ein Säurebad getaucht hat und Deine vielen Verehrer – die es erst seit einem Jahrhundert gibt, vorher warst Du unverständlicherweise vergessen – ziemlich dummdeutsch aussehen ließ (Uta von Naumburg. Ein deutscher Mythos, Wagenbach Verlag, 11,90 Euro)! Dir hat er gleich gefallen: einer der wenigen, der Dir nicht verfallen ist. Und wenn es nach ihm ginge, dürfte ich Dir gar nicht so trunken schreiben... Aber Ihr Stifterfiguren aus Muschelkalk hier im Westchor seid nun mal beseelt von Meisterhand, so wie große Skulpturen immer, von Michelangelos wild herumsitzendem Moses bis zu Berninis Pluto, der mit seinen verlangenden Fingern in die weichen Schenkel der Proserpina greift.

Ein magischer Ort, wo Du nachts von Deiner Säule herabsteigst, zusammen mit Deinem Mann, dem unsäglichen Markgrafen Ekkehard, mit Graf Hermann und Reglindis Euch gegenüber, dazu Gerburg und Dietrich, Wilhelm von Camburg, Dietmar, Thimo und all die anderen. Jetzt, so dicht vor Dir, entdecke ich Deinen Silberblick. Und ich erkenne, dass Du zu jener Sorte unerlösbarer Frau gehörst, um deretwillen unsereiner schon mal den Verstand verliert. Ich kann Dich berühren, dann wäre alles anders, alles gut. Aber Du willst es selbst jetzt nicht, in diesem stets erhofften Moment, in dem wir uns endlich gegenüberstehen.

Ein letzter Blick zurück: Du schaust mir nicht nach, natürlich nicht, welch eitle Hoffnung, für die ich mich sogleich schäme. Aber es ist ja auch besser so – keinen Schritt weiter könnte ich dann ohne Dich gehen. Womöglich willst Du mich nur schützen? Loskommen von Dir werde ich ohnehin nie. Bald bin ich wieder bei Dir, versprochen!

Denn im Sommer beginnt hier im Naumburger Dom die große Schau über Deinen unbekannten wie genialen Schöpfer (Der Naumburger Meister. Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen, 29.6. bis 2.11.2011). Freust Du Dich? Wenigstens ein bisschen?! Wenigstens ein Mal so wie Reglindis Dir gegenüber, die so niedlich strahlt? Ach, es hat keinen Zweck, ich weiß es ja – wenn Du anfangen würdest rumzugrinsen, wäre ich nicht hier. Du Droge, Du Suchtmittel, Du verzaubernd Unnahbare – auch ich werde Dich nie besitzen, Du ewiges Rätsel.