Carl van Dyken klingt freundlich am Telefon, aber reden möchte der Werksleiter der Nordenhamer Zinkhütte lieber nicht. Zu viel steht auf dem Spiel. Die Xstrata Zink GmbH erwägt gerade den Bau einer neuen Anlage zur Zinkelektrolyse. Doch die auf mindestens 200 Millionen Euro geschätzte Investition liegt auf Eis. Das Unternehmen, dessen Mutter von der Schweiz aus weltweit agiert, fürchtet neue Klimaschutzlasten der EU.

340 Kilometer südlich steht in Neuss die größte Aluminiumhütte der Republik – das Rheinwerk von Hydro Aluminium. Wohl jeder Besucher würde dieser Tage mit Vollbeschäftigung rechnen, liefert das Unternehmen doch den Rohstoff für viele Produkte, von Autoteilen bis hin zu Deckeln für Joghurtbecher. Aber die Öfen im Rheinwerk heizen auf Sparflamme. Nur zehn Prozent der Kapazität sind ausgeschöpft. Die Strompreise sind dem norwegischen Mutterkonzern Norsk Hydro zu hoch, und das Umfeld ist ihm zu unsicher.

"Täglich werden Investitionsentscheidungen gegen den Standort Deutschland und Europa getroffen", sagt Annette Loske. Sie ist Geschäftsführerin beim Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft und glaubt, in Deutschland das fast Unglaubliche beobachten zu können: den "Ansatz von Deindustrialisierung".

Die Angst in den Reihen der Industrie ist groß. Weil die Europäische Union ständig neu über den Klimaschutz verhandele, "fehlt es an Planungssicherheit", sagt Martin Kneer, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Metalle.

Noch vergangene Woche ist Kneer nach Brüssel gefahren. Ein Lobbyist müsse die "Hand am Puls der Themen haben", sagt er. Seinem Blutdruck wird das nicht gut bekommen sein. Denn Brüssel plant gerade den nächsten großen Schritt beim Klimaschutz. Voraussichtlich am 8. März wird die dänische Klimakommissarin Connie Hedegaard einen Fahrplan präsentieren, der bis ins Jahr 2050 reicht. Der 14-seitige Entwurf ihrer sogenannten Roadmap ist längst im Umlauf – und sein Inhalt so brisant, dass dagegen nicht nur die Industrie lobbyiert, sondern auch Energiekommissar Günther Oettinger .

Es ist Hedegaards zweiter Versuch, die 27 EU-Staaten zu mehr Ehrgeiz beim Klimaschutz anzuspornen. Der erste scheiterte im vergangenen Frühjahr, weil die Regierungschefs ihre Unternehmen in der Wirtschaftskrise nicht zusätzlich behelligen wollten. Doch ausgerechnet wegen der Rezession steigt nun der Druck. Schließlich wird das bisherige Ziel der EU, den Ausstoß von Kohlendioxid (CO₂) und einer Reihe weiterer klimaschädlicher Gase bis 2020 um 20 Prozent gegenüber 1990 zu senken, ziemlich sicher erreicht.

Greenpeace und Norbert Röttgen drängen die EU zu mehr Klimaschutz

Zu verdanken ist das in erster Linie der Auftragsflaute. Sie hat dazu geführt, dass Europas Treibhausgasausstoß 2009 schon um mehr als 17 Prozent unter dem des Basisjahres 1990 lag. Ersten Schätzungen zufolge sind die Emissionen im vergangenen Jahr zwar wieder etwas gestiegen; dennoch müsste die EU in den kommenden Jahren nicht mehr viel tun, um ihr Versprechen einzulösen. Dem eigenen Anspruch, weltweit Vorreiter beim Klimaschutz zu sein, würden die Europäer dadurch ebenso wenig gerecht wie der Empfehlung des Weltklimarates IPCC: Um die Erderwärmung in halbwegs erträglichen Grenzen zu halten, sollten die Industrieländer ihre Emissionen bis 2050 um mindestens 80 Prozent mindern und bis 2020 schon "um 25 bis 40 Prozent", so das Experten-Netzwerk. Mit ihrem 20-Prozent-Ziel bleibt die EU bislang dahinter zurück.

Schon seit Längerem tobt deshalb ein Streit darüber, ob Brüssel sein Klimaziel verschärfen sollte. Im März 2007, als sich die Regierungschefs unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu ihrem damals viel beachteten Minus-20-Prozent-Beschluss durchrangen, erklärten sie sich zu mehr bereit. Aber nur, "sofern sich andere Industrieländer zu vergleichbaren Emissionsreduzierungen verpflichten".