Nur wenige Unterschiede zwischen Europa und den Vereinigten Staaten sind so dauerhaft wie die "Gotteslücke". Vor fast 200 Jahren schrieb Alexis de Tocqueville in Über die Demokratie in Amerika: "In Frankreich hatte ich den Geist der Religion und den Geist der Freiheit in gegensätzliche Richtungen marschieren sehen. In Amerika aber fand ich sie aufs innigste vereint, und sie regierten gemeinsam über ein und dasselbe Land."

Tocqueville benannte zwei wichtige Motive des amerikanischen Exzeptionalismus, die bis heute wirksam sind: die ungewöhnlich starke Religiosität im Land und den überraschend großen Beitrag der Religion für die Freiheit. Dagegen war das Band zwischen Glauben und Freiheit in der europäischen Geschichte immer schwach. In seinen schlimmsten Zeiten bekämpfte das Christentum sogar die Freiheit. Die katholische Kirche predigte Autorität und Gehorsam. War sie Angriffen ausgesetzt wie der Reformation, schlug sie brutal zurück. Auch das ursprünglich revolutionäre Luthertum mutierte bald zur Staatsreligion. Außerdem war es in Europa gefährlich, zum falschen Gott zu beten, und erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die vollen Bürgerrechte unabhängig vom "richtigen" Glauben gewährt.

Diese Zeiten sind in Europa lange vorbei, aber wenn Tocqueville die derzeitige Kirchenkrise erleben würde, so müsste er sich bestätigt fühlen. Amerika und Europa haben zwar beide den gleichen Pfad in die Moderne eingeschlagen – bestimmt von Industrialisierung, Urbanisierung, Konsumismus und Demokratisierung. Dennoch sind die Vereinigten Staaten eine Bastion des Glaubens geblieben, wohingegen Europa sich seit Jahrzehnten kontinuierlich "entchristianisiert". Das ist der große Unterschied, das ist die Gotteslücke zwischen den Kontinenten.

An Belegen mangelt es nicht. Für 59 Prozent der Amerikaner ist Religion "sehr wichtig", doch nur für 27 Prozent der Menschen in Italien, immerhin die Heimat der Una Sancta. In Deutschland sind es 21 Prozent und in Frankreich gerade einmal 11. Dass es einen Gott gibt , glauben in Nordamerika 62 Prozent der Befragten, doch in Westeuropa nur 35 Prozent. Und auf die Frage "Sind Sie in der letzten Woche wenigstens ein Mal in die Kirche/Synagoge gegangen?" antworten in den Vereinigten Staaten 44 Prozent mit Ja. In Dänemark, Lettland, Norwegen, Schweden, Finnland, Estland und Island sind es nur 4 bis 5 Prozent. Tschechien, Litauen, Rumänien und die Schweiz folgen mit 16 bis 20 Prozent. Spanien, einst Land der Inquisition, schafft 25. Auf dieser Frömmigkeitsskala liegen nur drei europäische Länder vor den Vereinigten Staaten: Portugal mit 47, Polen mit 55 und Irland mit 84 Prozent.

Der wichtigste Indikator für die Gotteslücke ist aber eine moralphilosophische Frage: "Muss man an Gott glauben, um ein moralischer Mensch zu sein?" Über die Hälfte der Amerikanern sagen: Ja. Jenseits des Atlantiks sinkt dieser Anteil auf 33 Prozent in Deutschland, 27 in Italien und 13 in Frankreich. Glaubt man also, Religion habe nichts mit Moral zu tun, dann ist Gott in Europa wahrlich tot.

Wie lässt sich diese Gotteslücke erklären? Zunächst historisch. Denn der Streit über ein Bündnis von Altar und Thron war ein Leitmotiv der europäischen Geschichte, seit die Kirche ihren Kampf um die Vorherrschaft gegenüber den weltlichen Mächten – seien es die Fürsten von Italien oder die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches – eingestellt hat und ein loyaler Diener der säkularen Ordnung wurde. (Polen, wo die Kirche als stummer Gegner des Kommunismus agierte, stellt hier eine Ausnahme dar.) Erinnern wir uns an das Prinzip des cuius regio, eius religio, das im Augsburger Religionsfrieden von 1555 festgeschrieben ist. Hier wurde die Souveränität von Königen und Machthabern über die Glaubensfrage gestellt, aber die Übereinkunft blieb zweischneidig. Denn die Kirchen umhüllten die Macht der Fürsten mit der Legitimität des "Gottesgnadentums" und wurden mit vielfachen Privilegien belohnt. In Deutschland war das größte die Erhebung des Zehnten zusammen mit der Einkommensteuer.