Was bleibt von der Großstadtpartei CDU in Hamburg? Die CDU werde jetzt jedenfalls nicht wieder anfangen, Schwulenwitze zu erzählen, sagt ein Mitglied der Bundespartei am Montag, es soll so eine Art Beruhigung sein, dass nun kein restaurativer Rückfall bevorsteht. Keine Schwulenwitze mehr, immerhin. Vom konservativen Markenkern war in den vergangenen Wochen viel die Rede, der in der schwarz-grünen Koalition geschliffen worden sei, von der bürgerlichen Wählerschaft, die man nicht überfordern dürfe. Seit Sonntag weiß die CDU, wie groß ihr Kern ist: 20 Prozent, ein Fünftel der Wähler.

"Ich glaube, wir können in Großstädten Wahlen gewinnen", erklärte die Kanzlerin am vergangenen Montag unverdrossen. Neben ihr stand Christoph Ahlhaus, der gerade den größten Verlust eingefahren hatte , den seine Partei jemals in einem Bundesland einstecken musste, und sah nicht einmal besonders bekümmert aus, so wenig hatte ihn das Debakel offenbar überrascht.

In den großen Städten mit ihrer zunehmenden Vielfalt tun sich die großen Parteien seit Jahren immer schwerer, auch wenn Olaf Scholz gerade ein spektakulärer Wahlsieg gelungen ist. Und die CDU tut sich traditionell besonders schwer, ihre Stammklientel lag immer mehr im ländlichen Raum. 2002 setzte Merkel deshalb die Arbeitsgruppe "Große Städte" unter Leitung des früheren Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers ein, bei der Bundestagswahl war die CDU in den großen Städten unter 30 Prozent der Stimmen geblieben. Besonders bei jungen Frauen und Studenten, so der Befund, komme die Partei nicht gut an.

Seither hat Merkel die Bundes-CDU schleichend modernisiert, in der Familienpolitik, in der Integrationspolitik, in der Umweltpolitik, den Themen, die auch in den Städten eine Rolle spielen, wo mehr Ausländer leben, mehr unverheiratete Eltern als auf dem Land. Es war ein Wandel ohne großes Aufhebens, mit unsichtbarer Hand – und einem eigenartigen Ergebnis: Die Bundespartei hat inzwischen ein Programm, das zur modernen Großstadt passt, aber in Berlin, München oder Köln keine modernen Parteiverbände, die zu Großstädten passen würden. Und wo sie Erfolg hat, wie bis zum vergangenen Sonntag in Hamburg oder in Frankfurt, wo Petra Roth regiert, da hängt der Erfolg an einer Person, die weit über die Partei hinaus ausstrahlt. Ist die Frontfigur weg, so wie Ole von Beust, dann bricht auch die Fiktion der Großstadtpartei zusammen.

Die Schuldigen am Wahldebakel der CDU waren am Montag schnell gefunden: Ole von Beust und Schwarz-Grün. Ersterer habe mit seinem Rücktritt die Wähler enttäuscht, befand die Kanzlerin. Zweiteres sei von Anfang an ein Vertrag zulasten der CDU gewesen, assistierte Christoph Ahlhaus, man dürfe "das eigene Lager nicht überstrapazieren".

Schwarz-grün war für die CDU immer mehr als eine beliebige Koalitionsspekulation, es war die Chiffre für Modernisierung und Metropolentauglichkeit, und es war die logische Konsequenz der programmatischen Entwicklung seit Merkels Amtsantritt. Deshalb war es mehr als ein Satz in einer Parteitagsrede, als Merkel im November in Karlsruhe erklärte, solche Bündnisse seien "Hirngespinste". Gedacht war der Satz als Entlastungsangriff in einer Situation, als der Kanzlerin vorgeworfen wurde, sie vernachlässige die konservativen Wurzeln ihrer Partei. Verstanden wurde er von vielen ihrer Parteifreunde so: Vorwärts, Freunde, es geht zurück! Seither versucht Merkel ihrem Satz zwei Bedeutungen zu geben . Der Bauchsatz soll den Konservativen in der Partei sagen: Ich bin eine von euch! Der Kopfsatz fürs aufgeklärte Publikum soll ausdrücken: Die Umstände sprechen einfach gerade dagegen. Doch wie kann es aussehen, das moderne schwarze Lebensgefühl, das nicht rechts wildert und nicht mit den Grünen in Berührung kommen will? Wie man aus Bionade und Öko Politik macht, haben die Grünen vorgemacht, aber wie zaubert man aus Einstecktüchern etwas Frisches, Politisches? Darauf suchen die Strategen noch eine Antwort.