Alle möchten hoch hinaus. Das Höchste, was die Menschheit zu bieten hat, ist ein Platz in der Internationalen Raumstation ISS . Ihr Aufbau soll in diesem Jahr abgeschlossen werden. Gesamtkosten für das Viel-Sterne-Hotel im Erdorbit: geschätzt 100 Milliarden Euro. Dafür ist es wirklich exklusiv, bietet ganze sechs Dauerplätze mit Vollpension, all-inclusive. Welches Aufwandes die standesgemäße Versorgung dieser Handvoll Himmelsgäste bedarf, das lässt sich in dieser Woche verfolgen.

Die Europäische Raumfahrtbehörde Esa hat gerade "Europas komplexestes und innovativstes Raumfahrzeug zur Versorgung der ISS" abheben lassen – den neuen Weltraumfrachter Johannes Kepler . Sein Programm für diese Woche: erst ganz sachte Annäherung bei einem gemeinsamen Flugtempo von 28.000 Stundenkilometern. Dann vollautomatisches Andocken an die Station (daher heißt er auch Automated Transfer Vehicle oder ATV). Wer das Manöver verfolgen möchte, für den hat die Esa einen Livestream im Netz ab 16:15 Uhr eingerichtet) Das führerlose ATV ist so groß wie ein Londoner Doppeldeckerbus und schleppt 7,1 Tonnen lebenswichtige Nutzlast heran: Sauerstoff, Nahrung, Kleidung, Hygieneartikel und viel Treibstoff.

Das Video erklärt den Auftrag des Raumtransporters "Johannes Kepler" (in englischer Sprache). Quelle: Esa

Denn die ISS muss gelegentlich Ausweichmanöver fliegen, um nicht von herumsausendem Weltraummüll zerschossen zu werden. Und diesmal werden mehr als 4500 Kilo Kraftstoff verfeuert, um die Station von einer 350 Kilometer hohen Umlaufbahn auf 400 Kilometer zu hieven. Die ISS sinkt infolge schwacher Luftreibung nämlich pro Monat um fünf Kilometer. Ohne Hochlupfen würde sie in immer dichtere Luftschichten absacken und verglühen.

Rund hundert Tage soll das ATV die Raumstation begleiten – und der Besatzung als Ruhezone dienen. Der leer geräumte Innenraum gilt als Hort der Stille, anders als die übrigen, geschäftigen ISS- Module. Allerdings, gegen Ende der Frachtermission ist es dort mit der Beschaulichkeit vorbei: Dann wird Johannes Kepler vollgestopft sein mit sechs Tonnen Müll, seine ehemaligen Wassertanks dienen zum Entsorgen flüssiger Abfälle. Seine letzte Reise tritt das Spitzenprodukt europäischer Raumtechnik als fliegender Müllcontainer an – er soll über dem Südpazifik möglichst restlos in der Erdatmosphäre verglühen. Kurz vor dem furiosen Finale zeichnet eine Art Flugschreiber präzise auf, wie Johannes Kepler sich in Bruchstücke zerlegt. Dann katapultiert sich der Zeuge des Höllenritts, von einem Hitzeschild geschützt, aus dem glühenden Chaos. Quasi als letzten Kepler - Gruß funkt er seine aufgezeichneten Daten an vorbeifliegende Satelliten und zischt dann in den Pazifik.

Wie würde der berühmte deutsche Mathematiker und Astronom Johannes Kepler (1571 bis 1630) wohl reagieren, erführe er posthum, dass sein Name für die teuerste Mülltonne aller Zeiten herhalten muss? Kepler wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf, musste oft um seine wirtschaftliche Existenz kämpfen. Spätestens wenn er die Kosten der Mission hörte, würde er im Grab rotieren: 450 Millionen Euro verfeuert der Himmelsspuk in seinem Namen. Jedes Kilo Fracht für die ISS, ob Nahrung oder Treibstoff, schlägt mit 63.000 Euro zu Buche, lässt sich also gleich doppelt mit Gold aufwiegen.

Russische Progress-Frachter sind zwar fünfmal billiger. Doch in der internationalen Raumfahrt braut jede Behörde lieber ihre eigenen Viel-Sterne-Süppchen.