Die Zeiten sind stürmisch. Doch Carl Johann Freudenberg will es wagen. Aus einer Konkursmasse übernimmt er mit seinem Partner Heinrich Christoph Heintze eine kleine Gerberei im badischen Weinheim. Mit feinstem Lackleder will er reüssieren. In deutschen Landen und darüber hinaus. Die Anfangszeiten sind schwierig. Wirtschaftskrisen beuteln die junge Firma. Auch die Partnerschaft hält nicht. Trotzdem: Aus der kleinen Gerberei in Weinheim wird ein weltweit führender Lederlieferant. 1849 war das Jahr, in dem alles begann.

Im Jahr 2002 schließen Carl Freudenbergs Nachfolger ihre letzte Gerberei in Weinheim. Die inländische Konkurrenz hat schon früher aufgegeben. Die einst blühende Lederherstellung ist in Deutschland damit praktisch ausgestorben.

Die Unternehmensgruppe Freudenberg des Jahres 2011 aber ist quicklebendig. "Kein Daimler oder BMW, in dem nicht Freudenberg-Teile drin sind", sagt Peter Bettermann, der Sprecher der Geschäftsleitung, in seinem unprätentiösen Weinheimer Büro. Und für Wundverbände oder Outdoorjacken gelte Ähnliches – "ohne dass Freudenberg inside draufsteht". Mehr als 32.000 Menschen weltweit produzieren für die Unternehmensgruppe heute Vliesstoffe, Dichtungen, Medizinprodukte, Autoteile, Filter oder Haushaltsartikel – rund 11000 Mitarbeiter sind immer noch in Deutschland beschäftigt. Gut fünf Milliarden Euro wurden 2010 umgesetzt.

Und Freudenberg gehört bis heute rund 300 Nachfahren des Unternehmensgründers.

Doch wie gelang dem Unternehmen das Kunststück, 162 Jahre lang alle wirtschaftlichen und politischen Irrungen und Wirrungen zu überdauern?

"Es gibt auch bei Freudenberg keine Automatismen oder Garantien für das Überleben", sagt Bettermann. Der 63-Jährige ist der erste familienfremde Manager in der Sprecher-Position. Der Mineraloge und Jurist kam vor 15 Jahren von BP zu den Weinheimern und hat sich intensiv mit der Firmenhistorie beschäftigt. "Drei Gründe", findet Bettermann, seien mitentscheidend dafür, dass es das Unternehmen heute noch gibt: "Risikostreuung, finanzielle Vorsicht und langfristiges Denken". Klingt selbstverständlich. Ist aber die Lehre aus bitteren Zeiten.

Der Weltwirtschaftskrise etwa, die Ende 1929 auch im idyllischen Kurpfälzer Land ankam. Feines Leder aus Weinheim war bis dahin weltweit begehrt. Schlagartig brachen die Exportmärkte zusammen. Der Ruin drohte. Massenentlassungen aber wollte die Familie unbedingt vermeiden. Die Freudenbergs führten die 20-Stunden-Woche ein. Kurzarbeit für alle. Und die Mitarbeiter ersannen fleißig Ideen – etwa für die Verwendung von Abfallleder. Ein gewisser Walther Simmer entwickelte Lederabdichtungen für Motoren, welche den bis dahin üblichen Filz ablösten ("Simmerring"). Von Anfang an wurde damit Geld verdient. Als die Maschinenbauer Dichtungen für höhere Temperaturen verlangten, entwickelten die Weinheimer solche aus Kunstgummi (Buna), später kam Kautschuk zum Einsatz. Heute bietet Freudenberg mehr als 100.000 "Dichtungslösungen" an.