DIE ZEIT: Vor sechs Jahren haben Sie als Außenministerin in Kairo eine hellseherische Rede gehalten, in der Sie den damaligen Präsidenten Mubarak deutlich ermahnten, sein "Versprechen an sein Volk einzulösen und ihm die Entscheidungsfreiheit zu gewähren". Wäre er heute noch an der Macht, wenn er auf Sie gehört hätte?

Condoleezza Rice : Das können wir nicht wissen. Aber die sechs Jahre seit 2005 lehren doch, dass er eine Chance verpasst hat. Er hätte in ruhigeren Zeiten die Probleme anpacken können, die sich in diesem Jahr im Aufruhr entladen haben. Er hätte zum Beispiel jene besonnenen politischen Kräfte aufbauen können, die es mit den islamistischen aufnehmen können.

ZEIT : Ihre Rede markierte eine doppelte Zeitenwende. Einmal definierte sie Demokratisierung als Teil der US-Staatsräson. Zum Zweiten symbolisierte sie den Abschied von der alten Nahostpolitik. Zitat: Diese "hatte Stabilität auf Kosten der Demokratie herzustellen versucht, aber weder das eine noch das andere verwirklicht". Die Ereignisse geben Ihnen recht. Sind Sie eine Prophetin?

Rice : (lacht) Man konnte doch damals schon die Sturmwolken sehen. Die Herrscher waren isoliert von ihren Völkern. Sie verweigerten politische und wirtschaftliche Reformen, die das Leben ihrer Bürger hätten verbessern können. Wir wollten die USA mit Reformen identifizieren, die langfristig die Demokratie, aber unmittelbar den Dialog zwischen Volk und Herrschern befördern würden. Man weiß aber nie, welcher Funken den Flächenbrand auslöst.

ZEIT : Präsident Bush hatte es 2005, in seiner Rede zur zweiten Amtseinführung, noch kräftiger ausgedrückt: "Freiheit in unserem Land erfordert den Triumph der Freiheit in allen anderen Ländern." Sozusagen Idealismus als Realpolitik: Amerikas Sicherheit verlange das "Ende der Tyrannei weltweit", Demokratisierung als nationales Interesse. Nur sind Tyrannen noch immer gute Freunde des Westens. Also scheint das nicht so einfach zu sein.

Rice : Es dauert sehr lange. Aber das kann doch nicht heißen, dass man nicht irgendwann anfängt. Jetzt hat die Demokratisierung auf chaotische, ja gewaltsame Weise begonnen. Ein früherer Übergang wäre geordneter gewesen. Wenn es erst einmal überkocht, ist es zu spät. Jetzt wird es richtig schwer.

ZEIT: Demokratische Anfänge sind in der Vergangenheit nicht unbedingt gut für Amerika gewesen. Sie haben auch nicht immer zum Frieden oder dauerhaft zur Demokratie geführt. In Gaza wurde gewählt, aber nur einmal. Im Libanon folgten auf halbwegs freie Wahlen der Mord an Premier Rafiq al-Hariri 2005 und die Vorherrschaft der Hisbollah. In Venezuela haben die Wahlen einen Feind der USA an die Macht gebracht.

Rice : Erstens haben wir Demokratisierung in Nahost nicht sehr lange ausprobiert. Zweitens sollte man historische Umwälzungen nicht an einer Momentaufnahme messen. In Gaza ist Hamas zwar an der Macht, aber die Fatah war keine überzeugende Alternative. Nehmen wir Demokratisierung in Amerika. Eine Momentaufnahme von Birmingham, Alabama, wo ich aufgewachsen bin, hätte Sie kaum erwarten lassen, dass es vierzig Jahre später gleich zwei schwarze Außenminister (Colin Powell und Condoleezza Rice, Anm. d. Red.) geben würde. Eine Momentaufnahme ergibt kein historisches Verdikt.

ZEIT : Als Außenministerin müssen sie aber tagtäglich Politik machen, nicht im historischen Rahmen…

Rice : …doch immer mit der langen Frist im Kopf. Sah es denn nach 1945 so gut aus, als wir unser Schicksal mit Europa verknüpften? Als Josef Stalin vor der Tür stand? Natürlich agiert man von Tag zu Tag, aber man trifft trotzdem Entscheidungen, die auf längere Sicht die richtigen Ergebnisse zeitigen.

ZEIT: Präsident Bush hat in der bereits zitierten Rede gesagt: "Die Freiheit muss von den Bürgern gewählt und verteidigt werden." Sie kann also nicht importiert werden. Welche Rolle hat dann der Westen?

Rice: Vorweg müssen wir das Prinzip hochhalten. Zweitens müssen wir denen helfen, die ihre Rechte einfordern, aber auch bereit sind, verantwortlich zu handeln. Zum Beispiel mit unserer Nationalen Stiftung für Demokratie, die Tausende von Aktivisten ausgebildet hat. Wir haben sehr viele Mittel in Bildung investiert, die eine säkulare, international denkende Schicht wachsen lässt. Wir müssen auch Wirtschaftsentwicklung und Freihandel befördern. Die Demokratie wird nicht florieren, wenn sie keine Jobs anbietet. Wir haben manchmal auf die falsche Stabilität gesetzt. Gewiss: Manche neuen Demokratien, wenn sie es denn bleiben, werden nicht unbedingt Freunde der USA sein. Aber vergessen wir nicht, dass unsere autoritären Freunde, die sich vor der Straße fürchteten, mit zwei Zungen geredet haben: Im Gespräch mit uns haben sie uns unterstützt, vor ihrem Heimatpublikum haben sie uns kritisiert, was dann wiederum unsere Probleme in der Region verschärft hat.