In welchen Momenten ist zu erleben, wie es einem Land förmlich das Genick bricht ? Vielleicht am Flughafen von Dublin, wo jeden Tag tausend junge Iren nach Amerika oder Australien flüchten. Oder wenn der Hochschullehrer schweigt auf die Frage, wie er sich mit drei kleinen Kindern, sinkendem Gehalt und einer Hypothek von 400.000 Euro seine Zukunft vorstellt. Wenn die Pädagogin Lorraine Flanagan einen Heulkrampf bekommt, als ihr Anlageberater ihr sagt, es gebe Wichtigeres im Leben als Geld, sie solle jetzt erst einmal nach Hause gehen und sich eine billige Flasche Wein gönnen.

Eigentlich müsste es schreien, dieses Irland, damit der Rest von Europa versteht, was die Finanzkrise mit einem Volk anrichten kann, wenn sie erst, und so weit ist es jetzt, sämtliche finanziellen und psychischen Reserven der Mittelschicht aufgefressen hat. Als erstes Land der Euro-Gemeinschaft werden die Iren an diesem Freitag eine Regierung aus dem Amt wählen, weil diese, so sehen es die Bürger, lieber eine Nation insolvent werden ließ als ein paar Banken. Die Iren verjagen die Regierung ohne große Begeisterung , denn sie haben kaum Hoffnung auf Besserung. Die bisherige Regierungspartei hieß Fianna Fáil, die künftige heißt wohl Fine Gael, die Unterschiede zwischen beiden liegen programmatisch im Promillebereich, und die einzige Erwartung lautet, dass es dem wahrscheinlich künftigen Premierminister Enda Kenny besser als seinem Vorgänger Brian Cowen gelingen möge, dem Großgläubiger EU den Ernst der Lage klarzumachen und ihr ein bisschen Gnade abzuringen.

Damit Iren wie die Pädagogin Lorraine Flanagan wieder eine Perspektive bekommen, zum Beispiel. Die Geschichte der 38-Jährigen ist typisch für die Zwangslage, in der sich die irischen Durchschnittsverdiener im Jahre drei der Krise befinden. In ihrer Doppelhaushälfte in Mullingar, einer Kleinstadt in der Mitte der Insel, stellt die lebhafte Brünette frisch gebackenen Bananenkuchen auf den Küchentisch. Sie sei im Bürgerkrieg in Nordirland groß geworden, erzählt sie. Sie habe sich immer bloß ein friedliches, bescheidenes Leben gewünscht. "Mittlerweile sage ich, gebt mir die Bomben und die Schießereien zurück. Im Ernst. Das war alles immer noch besser als diese finanzielle Gewalt, die ich jetzt erleide."

Vor acht Jahren kaufte Lorraine ihr Häuschen in der schicken Neubausiedlung, zu so günstigen Konditionen, dass sie drei Jahre später gleich ein Zweites dazu erwarb, um es zu vermieten. Zehntausende von Iren machten das so, in der Erwartung, dass die Immobilienpreise steigen und die Zinsen stabil bleiben würden. Das Gegenteil geschah. Die Regierung hatte, in gemeinsamem Enthusiasmus mit den Banken, so viele Bürger ermutigt, Häuser zu bauen, dass es bald niemanden mehr gab, der sie mieten konnte. 37 Prozent der knapp viereinhalb Millionen Iren haben mittlerweile Probleme, ihre Lebenshaltungskosten zu bestreiten, berichtet die Irish Times, mindestens 75.000 sollen wie Flanagan ihre steigenden Hypotheken nicht zurückzahlen können. Ein komplettes Land ist subprime geworden, bonitätslos.

Die Erosionen, die das auslöst, sind schon aus dem Flugzeug zu sehen. Über die Insel verstreut liegen 350 sogenannte Geistersiedlungen auf Wiesen und Marschland, halb fertig gestellte Wohnviertel, in denen die Bewohner hausen wie Ausgesetzte. Viele der Viertel hat das Umweltministerium gerade als "gefährlich" eingestuft, wegen ungesicherter Baugruben, instabiler Rohbauten, fehlender Straßenbeleuchtung und zunehmendem Vandalismus. Eine Fahrt durch die Straßenzüge der Clongriffin Estates im Norden Dublins weckt Erinnerungen an Gemälde von Edward Hopper. Von zwanzig luxuriösen Neubauten in einem Block sind oft nur zwei bewohnt, riesige Brachflächen trennen die Apartmentkomplexe, die versprochenen Supermärkte sind nie gekommen. Plakate an den Bauzäunen künden noch fröhlichen Kindern im Sonnenschein. "Bei uns ist kurz vor Weihnachten eingebrochen worden", sagt ein Bewohner. "Meine Frau hat Angst, abends im Dunkeln nach Hause zu kommen. Wir wollen nur noch hier weg." Nur: Niemand wird ihnen ihr Geisterhaus abkaufen.

Der Wert der Eigenheime ist ins Bodenlose gesunken, die Baubranche zusammengebrochen, und der Gastarbeiter aus Lettland, der Lorraine Flanagans Zweithaus in Mullingar gemietet hatte, setzte sich wie viele Mieter aus Osteuropa über Nacht in die Heimat ab. Lorraine selbst verlor im März 2006 aufgrund der Rezession ihren Job . Seitdem bringt ihr "kleines Immobilienimperium", wie sie es mit bitterem Lachen nennt, Tausende Euro Verluste. "Vielleicht sollten die Banken sich ab und zu mal die Schuhe ihrer Kunden angucken", sagt sie und dreht die abgewetzten Sohlen ihrer schwarzen Pumps nach oben. "Das ist mein bestes Paar, vor anderthalb Jahren für 20 Euro gekauft. Wann ich das letzte Mal abends aus war, weiß ich nicht mehr. Ist es das, was das Leben mir noch zu bieten hat?" Sie sei noch keine vierzig, sagt sie und blättert in einem dicken Ordner mit Mahnschreiben.