Nymphen auf moosigen Felsen und Sylphiden mit perlmuttschimmernden Körpern, die in den Lüften tanzen – und unsere Imagination in Schwingung versetzen. Das Idyllenzimmer des Oldenburger Schlosses ist ein funkelnder Höhepunkt des Rundgangs durch das auf drei Häuser verteilte Niedersächsische Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg. Die aus zahlreichen kleinformatigen Bildern zusammengesetzte Idyllenserie des Oldenburger Hofmalers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 bis 1829) – wegen seiner Freundschaft mit Goethe auch Goethe-Tischbein genannt – zeugt vom fruchtbaren Mäzenatentum der Herzöge.

Diese auf die Romantik vorausweisenden Idyllen finden sich in Oldenburg in ein klassizistisches Ambiente eingefügt, mit goldenem Stuck, Intarsientüren und mächtigen Kristallleuchtern. Durch die heutigen Museumsräume schallte einst das Lachen und Scherzen der herzöglichen Gäste. In großen Wandspiegeln konnten sie sich beim Tanz zu Clavichordklängen betrachten. Gewiss waren Tischbeins Darstellungen entblätterter Weiblichkeit oder seine monumentale Tugendallegorie Die Stärke des Mannes – auch Vernunft betitelt – Anlass zu gelehrten oder galanten Gesprächen. Vorbilder der unbekleideten oder nur von zarten Schleiern bedeckten wolkig-weichen Frauengestalten dürften Hoffräulein gewesen sein, die ein angenehmes Luxusleben führten, noch ganz ohne Schlankheitsterror und Fitnesszwang.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Wie eine Aneinanderreihung friedvoll-harmonischer Idealszenen erscheint über weite Strecken auch die Oldenburger Landesgeschichte, die in dem Museum erzählt wird. Dank Graf Anton Günthers diplomatischem Geschick blieb die Grafschaft sogar von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges weitgehend verschont. Schon der frühbarocke Graf förderte die Kunst, aber erst im 19. Jahrhundert wurden die Oldenburger Herrscher zu großen Sammlern. Als die Räume im Schloss zu eng wurden, leistete man sich ein Museum im Stil eines Florentiner Palazzo, das nur einen Steinwurf vom Schloss entfernte Augusteum. Beeindruckend ist vor allem, was dort an benachbarter niederländisch-flämischer Landschaftsmalerei und Porträtkunst zusammengetragen wurde, aber auch an italienischem Manierismus. Die Sammlung vermittelt in ihrem Streben nach Vollständigkeit den Eindruck, als hätten die wohlhabenden Oldenburger Kleinfürsten tatsächlich mit Schwergewichten wie den Monarchen in Wien gewetteifert.

Immerhin aber finden sich im Augusteum Werke von Lucas Cranach d.Ä,. Anthonis van Dyck und Bartholomäus Spranger, der Hofmaler in Wien und Prag war. Damit nicht genug: Im früheren Prinzenpalais, das ebenfalls Teil des Landesmuseums ist, geht es weiter mit einer reichhaltigen Sammlung an Kunst von der Romantik bis zur Moderne. Alte Fotografien belegen, dass manches Gemälde schon in dem früher plüschig ausgestatteten Palais hing, als dort noch der kunstsinnige Großherzog Nikolaus Friedrich Peter (1827 bis 1900) residierte, zum Beispiel Hans Makarts Bildnis der betörenden Helene von Racowitza (1874) im tief dekolletierten weinroten Samtkleid. Der Sozialistenführer Ferdinand Lassalle war in die Gräfin verliebt und kam im Duell mit einem Nebenbuhler ums Leben.

Auch Gemälde der Künstler der nicht weit entfernten Künstlerkolonie Worpswede finden sich im Prinzenpalais. Maler wie Otto Modersohn oder Heinrich Vogeler hielten die wechselnden Lichtstimmungen im Teufelsmoor fest. Daneben bietet das Landesmuseum Kunsthandwerk. Als Höhepunkt bei Festbanketten reichten die Oldenburger Landesfürsten das Wunderhorn herum, ein üppig verziertes spätmittelalterliches Trinkgefäß, laut Legende das Geschenk einer Fee. Das Original befindet sich heute in Kopenhagen – im Oldenburger Schloss ist eine Nachbildung zu sehen. Achim von Arnim und Clemens Brentano wählten das Motiv als Titelbild für den zweiten Band ihrer Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn.

Ebenfalls mittelalterlich ist ein Schwert mit kugeligem Knauf, das fast 700 Jahre in einem nahen Flüsschen gelegen hatte und 1925 geborgen wurde. Wenn man genau hinsieht, erblickt man eine haarfeine Gravur: eine Beschwörungsformel, die den Schwertträger vor Verletzungen schützen und auf die christlichen Ritterideale einschwören sollte. Das Schwert hat die Zeiten – wie die heiligen Waffen aus Fantasy-Märchen – fast unbeschadet überdauert. Es hat nur ein wenig "Edelrost" angesetzt, wie es in der spartanischen Museumsbeschilderung heißt.

Museumspädagogen erfinden heute gern Hausgespenster, die angeblich über alte Meisterwerke jede Menge erzählen können. In Oldenburg ist das nicht nötig, denn es gibt Graf Anton Günther. Er hatte einst das väterliche Wasserschloss in eine Renaissanceresidenz umgebaut. In schummriger Beleuchtung ist eine Puppe mit des Grafen Wams und Pumphose aus dem Sarg so präsentiert, dass man meint, den von Zeitgenossen als sanfte, höfliche Natur beschriebenen Adligen aufgebahrt zu finden. Sogar ein Büschel der gräflichen Barthaare ist in einer Vitrine ausgestellt. Wenn man danach durch die Prunksäle über knarrendes Parkett schreitet und verborgene Bewegungsmelder Lichter anknipsen, meint man unwillkürlich, es sei der Spuk des Grafen.