DIE ZEIT: Herr Laidre, das Mandrill-Weibchen Milly hält sich mit der flachen Hand die Augen zu, wenn sie ihre Ruhe haben will. Andere Mitglieder ihrer Sippe im Tierpark von Colchester haben das übernommen. Sie erforschen ja Tierkommunikation an der University of California in Berkeley : Ist das Leben im Zoo so belastend, dass Affen eine Bitte-nicht-stören-Geste erfinden müssen?

Mark Laidre : Nein, im Vergleich zur freien Wildbahn haben sie vermutlich ein sorgenfreieres Leben. Die Gruppe im Zoo von Colchester ist weder besonders groß, noch lebt sie besonders beengt. Von der Besucherplattform über ihrem Gehege nehmen die Tiere auch kaum Notiz.

ZEIT: Wozu dann diese Geste?

Laidre: Wir wissen es nicht. Milly hat sich 1999 zum ersten Mal die Augen zugehalten. Die Pfleger sind sich sicher, dass ihr kein Mensch dieses Verhalten beigebracht hat. Hat sie die Sonne geblendet? War sie krank? Vielleicht war es wie bei kleinen Kindern: Die verbergen manchmal das Gesicht in ihren Händen und glauben, andere könnten sie dann nicht sehen. Wenn man sie in dieser Situation anfasst oder anspricht, würden sie sich erschrecken – also lässt man es. So könnte diese Geste entstanden sein.

ZEIT: Und heute?

Laidre: Tiere, die sich die Augen zuhalten, werden vom Rest der Gruppe weitgehend in Ruhe gelassen. Man nähert sich ihnen nicht. Das Sonnenlicht spielt keine Rolle, die Geste wird auch im Schatten benutzt. Mit Schlaf hat es nichts zu tun, denn die Augen sind hinter der Hand weit offen, sie spähen durch die Finger hindurch. Manches Tier dreht den Kopf hin und her, um die Gruppe im Blick zu behalten. Sie können rechtzeitig das Weite suchen, wenn es trotz der Geste brenzlig wird.

ZEIT: Sie schreiben, dass nur rangniedere Männchen Millys Geste benutzen. 

Laidre: Sie gehen so Auseinandersetzungen aus dem Weg. Auch wenn Mandrills nicht besonders aggressiv sind, kann es hin und wieder gefährlich werden. Das zweitgrößte und sehr friedliche Männchen dieser Mandrill-Gruppe war Phoenix. Er wurde vom Alphamännchen als Bedrohung wahrgenommen und im Kampf so schwer verletzt, dass er eingeschläfert werden musste.

ZEIT: Milly ist kein Männchen...

Laidre: Nein, aber sie ist das zweitschwächste Weibchen. Als ich sie beobachtet habe, kümmerte sie sich um ihren Nachwuchs. Sie benutzte die Geste oft, wenn sie säugte oder sich ihr Junges an sie kuschelte, und sagte so den anderen, dass Mutter und Kind nicht gestört werden wollen.

ZEIT: Wie ungewöhnlich ist diese Geste?

Laidre: Sehr ungewöhnlich! Ich habe seit 2002 Mandrill-Gruppen in den Zoos von Nordamerika und Europa, aber auch in freier Wildbahn in Gabun beobachtet und so etwas nirgendwo gesehen. Andere Forscher bestätigen mir das. Aber als ich 2007 in Colchester ankam, bemerkte ich dieses seltsame Verhalten binnen kürzester Zeit. Die Tiere wiederholten es immer wieder, bis zu sechsmal in der Stunde, manchmal länger als 15 Minuten.

ZEIT: Hat Milly ihrer Gruppe neues kulturelles Wissen vermittelt?

Laidre: Das werden wir jetzt untersuchen. Was passiert, wenn so ein Tier in einen anderen Zoo kommt? Das würde ich gern beobachten. Wird es verstanden? Gibt es die Geste weiter? Im Sommer geht es los. Wir werden Mandrills im Zoo von San Francisco Videos von Milly und den anderen aus Colchester vorspielen. Übernehmen die Tiere in San Francisco, was sie auf dem Bildschirm sehen? Der Zoo von Montreal will Schilder am Mandrill-Gehege anbringen, die die Besucher dazu auffordern, sich die Augen zuzuhalten. Hat das menschliche Verhalten eine Auswirkung auf die Tiere? Immerhin kommen dort bis zu 15.000 Besucher pro Tag vorbei!