"Zum Wohlbefinden gehören aber auch die Vermeidung von negativem Stress und die Förderung positiver Stimmungen", erklärt Sandra Düpjan. Je nachdem ob sie trotz ihrer Lektion in der falschen Ecke Futter erwarten oder nicht, teilt sie die Schweine in Optimisten oder Pessimisten ein. Interessant wird es, wenn die Tiere zuvor unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Düpjans Ferkel wurden nach der Geburt zum Beispiel verschieden stark durchmischt – wie es auch in der Tiermast vorkommt. Unter Geschwistern herrscht mehr Frieden als unter nicht verwandten Tieren. Wenn ein Ferkel viele Rangkämpfe hinter sich hat und sich im Versuch pessimistisch zeigt, könnte das ein indirekter Hinweis auf negative Emotionen sein. Und gleichzeitig ein Beweis dafür, dass die Haltungsbedingungen einen Einfluss auf das Befinden und Verhalten von Nutztieren haben.

Düpjan sieht die Sache ganz pragmatisch. "Wenn irgendwann bewiesen wird, dass Tiere nicht leiden können, dann ist das okay", sagt sie, "bis dahin gehe ich aber vom Gegenteil aus." Die 31-Jährige gibt ihren Versuchstieren keine Namen. Beim Mittagessen greift sie jedoch zum Salat, sie isst kein Fleisch. "Andere Forscher essen ja auch nicht ihre Laborratten", scherzt sie und wird gleich wieder sachlich. "Nicht alle Menschen wollen oder können Vegetarier sein, und das ist auch in Ordnung. Aber mit meiner Arbeit kann ich versuchen, die Tierhaltung zu verbessern."

Tatsächlich haben Ergebnisse, wie sie Düpjan in ihrer Doktorarbeit ermittelt hat, mit dazu beigetragen, dass die unbetäubte Kastration bei männlichen Ferkeln in Deutschland bald verboten wird. Sie hatte dabei die Vokalisation von Hausschweinen in verschiedenen Stresssituationen untersucht. Füttert man den Computer mit solchen Daten, spuckt der ein klares Muster aus: Welche Grunzer, Quieker und Grunz-Quieker gehören zu welcher Belastung? "Schweine teilen ihren Stress mit", sagt Düpjan, "wir müssen nur lernen, sie zu verstehen."

Am FBN wurde sogar ein Detektor entwickelt, mit dem Stressschreie registriert und ausgewertet werden können, etwa während eines Tiertransports. Die Schreie, die ein Ferkel ausstößt, wenn ihm ohne Betäubung der Samenstrang durchtrennt wird, liegen eindeutig im höchsten Stressbereich. Dass dieser Stress Angst und Schmerz für das Tier bedeutet, konnte Düpjan beweisen, indem sie die umgekehrte Probe machte: Sie stimulierte mit einer Neurosonde das Angstzentrum im Gehirn der Schweine. Diese stießen dabei Laute aus, die zu großen Teilen mit den Stressschreien übereinstimmten.

Männliche Ferkel werden kastriert, damit sich ihr Ebergeruch nicht auf das Fleisch überträgt. Wenn zukünftig Millionen von Ferkeln nicht mehr unbetäubt kastriert werden dürfen, hat das einen erheblichen Einfluss auf die Fleischproduktion. Womöglich müssen Landwirte mehr Geld für Narkosemittel oder tierärztliche Überwachung ausgeben, was sich im Endeffekt auf den Fleischpreis niederschlagen würde. In einem Land, in dem der Verbraucher vergleichsweise wenig Geld für Lebensmittel ausgibt, birgt diese Entwicklung ein Konfliktpotenzial. Führt ethisch korrekte Tierhaltung denn zwangsläufig zu höheren Preisen?

"Diese Frage stellt sich für uns schlicht nicht", sagt Birger Puppe. Er leitet die Arbeitsgruppe Nutztierethologie am FBN. "Uns muss egal sein, was es kostet, schließlich machen wir Grundlagenforschung." Die klassische Verhaltensbiologie sucht Antworten darauf, warum sich ein bestimmtes Verhalten in der Evolution durchgesetzt hat. Dabei mache die Zeit seit der Domestikation der Nutztiere aber nur einen Wimpernschlag aus, erklärt Birger Puppe. "Zuvor haben die Tiere verschiedene Anpassungsmechanismen gegenüber der Umwelt entwickelt. Wir haben diese Umwelt extrem verändert, deswegen ist das Verhalten aber nicht weg." Wenn das genetische Programm der Tiere nicht zu ihren Lebensbedingungen passt, kann es zu Problemen kommen. Sie werden anfällig für Stress, richten Aggressionen auf Artgenossen oder entwickeln Krankheiten.

Nach einer Woche kehrt Sandra Düpjan zurück in den Schweinestall, schon beim Aussteigen aus dem Auto schlägt ihr Landluft entgegen. Sie atmet tief ein, "nach ein paar Tagen im Büro fehlt mir das richtig". Ihre Assistentinnen haben die letzten Trainingstage mit ihren Ferkeln allein absolviert. Heute wird sie erfahren, ob das Versuchsmodell, welches sie über Monate entwickelt und verfeinert hat, sich für den Nachweis des cognitive bias auch bei Schweinen eignet. 

In Dummerstorf kommen heute vier Versuchstiere an die Reihe. Ferkel Nr.1 wartet ungeduldig auf Einlass in die Versuchsarena. Durch die Plexiglasscheibe kann es sehen, dass der Trog weder in der belohnten, noch in der unbelohnten Ecke, sondern in der Mitte der Arena steht. "Und Start!", ruft Evelin Normann. Ferkel Nr.1 saust auf den Trog zu, öffnet den Deckel: nichts. Ferkel Nr.1 gehört zu den Tieren, die mehr Geschwister in ihrer Gruppe haben. Es hatte sich im Training bis zuletzt nicht davon abbringen lassen, sein Glück zu versuchen, egal in welcher Ecke der Trog stand.

Am Ende des Versuchstags stehen auf Düpjans Liste zwei Pessimisten, ein Ferkel, das sich unentschieden zeigte, und das unermüdlich optimistische Ferkel Nr.1. Doch mit den unterschiedlichen Haltungsbedingungen hat das offenbar nichts zu tun. Stattdessen zeichnet sich ein anderes, nicht minder bemerkenswertes Ergebnis ab: "Es scheint in jeder Gruppe Optimisten und Pessimisten zu geben, egal wie sie gehalten wurden." Stimmung und Verhalten der Schweine werden weniger durch ihre Umwelt geprägt als von ihren ganz individuellen Veranlagungen. In diesem Punkt zumindest ist die Ähnlichkeit mit dem Menschen unverkennbar: Jeder Jeck, und jedes Schwein, ist anders.